Ein ziemlich nebulöser Mord

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Inhalt

Hauptkommissarin Vera Fox hat die Nase voll: Sie schmeißt ihre Karriere bei der Polizei in Wiesbaden hin.
Doch in ihrer letzten Arbeitswoche bekommt sie noch einen Mordfall auf den Tisch, der sie nicht mehr loslässt. Ein Architekt wird in einer nebligen Nacht ermordet. Aber was ist das Motiv des Täters?
Zu allem Überfluss gerät auch Fox’ Privatleben zunehmend aus den Fugen. Kann ihr das skurrile Grüppchen um den Schriftsteller Janosch Veyl bei ihren Problemen helfen oder ist es selbst in das Verbrechen verwickelt?

ISBN

978-3-7557-6736-7


Leseprobe

Kapitel 1 – Pub „Entenpfuhl“, Freitagabend, 1. Oktober

An einem der ersten nebligen Herbstabende des Jahres saß Janosch Veyl im Entenpfuhl, trank irisches Bier und las in der Schatzinsel. Das Buch ruhte auf der schartigen Kante eines Holztisches, der sich im Lauf der Jahre schon mit den hochprozentigen Aromen unzähliger verschütteter Getränke vollgesogen hatte. Hin und wieder nahm Janosch einen Schluck Bier, während er las, untermalt
von der angenehm sonoren Geräuschkulisse. Das Pub war an diesem Abend nicht voll und Janosch hatte seinen Stammtisch an der Eckbank für sich. Vor dem Bleiglasfenster neben ihm zogen einzelne Nebelfetzen vorbei, aber er bemerkte sie nicht. Er sah erst von seinem Buch auf, als ein vernehmliches Klonk und eine Erschütterung die Ankunft einer weiteren Person am Tisch
ankündigten.
»Seltsames Publikum heute Abend. Hast du gesehen, wie aufgedonnert die alle waren?« Lorena Glose war die Inhaberin des Buchladens Lesbar. Dieser lag, wie auch der Entenpfuhl, an einem kleinen Platz, allerdings auf dessen gegenüberliegender Seite. Sie ließ sich auf einen Stuhl an der Schmalseite des Tisches fallen.
Janosch senkte das Buch auf die Tischplatte und sah Lorena mit
höflich fragendem Blick an. »Aufgedonnert? Ist mir jetzt nicht aufgefallen.« Er
ließ den Blick über Lorenas Outfit wandern, das wie üblich schlicht, aber geschmackvoll war. »Dir konnte aber wie immer niemand das Wasser reichen.«
Lorena prustete in ihr Rotweinglas, das sie erneut lautstark auf dem Tisch abstellte, diesmal, um sich sicherheitshalber schnell die Hand gegen den Mund zu pressen. »Klar«, sagte sie, als die Gefahr offenbar gebannt war. »Ich bin ja auch immer nach der neuesten Mode gekleidet. Kann es sein, dass du noch nicht ganz wieder aus deinem eigenen Buch herausgefunden hast?«
»Soll das heißen, du traust mir nicht zu, dass ich dir ein ehrliches Kompliment mache?« Janosch war milde empört. »Wie könnte ich wohl alle diese charmanten Figuren
erfinden, wenn sie sich nicht aus meinem Innenleben speisen würden?«
Lorena winkte ab. »Sicher. Und jeder Krimiautor ist ein Mörder. Lief aber gut heute Abend, was meinst du?«
Janosch nickte zustimmend. »Ich hatte schon schlechtere Lesungen. Immerhin hat diesmal niemand gefragt, warum meine Bücher alle kein richtiges Ende haben.«
Die Tür des Pubs ging auf und mit einem Schwall feuchtkalter Luft trat eine schmale Frau mit langen,
schwarzen Haaren und stark geschminktem Gesicht ein. Sie ging zielstrebig auf den Ecktisch zu, an dem Janosch und Lorena saßen.
»Hier sitzt du und trinkst Wein und ich suche dich überall!« Yasmin Hernandez-Schmitt gehörte ein gruseliges kleines Geschäft, das sie als »Boutique« bezeichnete, das aber nach Janoschs Auffassung eher eine Art Palliativstation für Mode mit angeschlossenem Nagelstudio war.
»Ich habe nach der Lesung vor deinem Laden gewartet, damit wir zusammen zum Pub rübergehen. Eine Viertelstunde habe ich gezittert in diesem grässlichen Nebel und du bist nicht gekommen!« Sie klang wie eine Schauspielerin aus einem alten amerikanischen Schwarzweißfilm, die ihrem Liebhaber schmollend Nichtigkeiten vorwirft.
»Tut mir leid, Yasmin. Ich habe die Stühle im Laden hochgestellt und bin dann zur Hintertür raus. Du hast doch gesagt, du bist müde und wolltest lieber nach Hause gehen.« Lorena wirkte nicht sonderlich berührt durch die Vorwürfe, da Yasmin regelmäßig Beschwerden gegen
alles und jeden vorbrachte, der ihren momentanen Launen im Wege stand.
»Das hatte ich auch vor, aber ich habe mich anders entschieden.« Wütend mit den langen Wimpern klimpernd hatte sie sich gegenüber von Janosch niedergelassen, offenbar
ohne einen Gedanken an die Logik ihrer Beweisführung zu verschwenden.
Als Janosch sie nach ihrem Getränkewunsch fragte, wandte sie sich ihm zu und ihr Gesicht glättete sich ein wenig. »Ah, wenigstens ein Mann hier hat einen Funken
Charme. Ich würde sterben für einen Prosecco.«
Janosch dachte, dass er lieber sterben würde, um keinen Prosecco trinken zu müssen, stand aber auf, um zur Theke hinüber zu gehen. Mit blitzenden Augen und einem Seitenblick auf Lorena sagte er: »Lorena wird dir sicher Gesellschaft leisten, bis ich zurück bin. Nicht wahr, alter Junge?«.
Auf seinem Weg durch den Gastraum fragte er sich beiläufig, wie es kam, dass Yasmin Hernandez-Schmitt so oft Teil ihrer Runde war. Mit Lorena war er befreundet, seit sie vor Jahren ihren Buchladen in der Straße eröffnet hatte, in der er wohnte. Ihre Wohnung lag direkt über dem Laden und aus der zunächst rein professionellen Beziehung zwischen Schriftsteller und Buchhändlerin war schnell Freundschaft geworden. Oft war auch Jonathan Michel, ein Freund Janoschs aus Jugendtagen,
Teil der Gruppe. Aber Yasmin tauchte einfach von selbst immer wieder auf. Vermutlich hielt sie sich für dazu berechtigt, einfach, weil sie ebenfalls einen Laden in der Weidenstraße besaß, überlegte Janosch, während er an der Theke lehnte und auf die Getränke wartete.
»Wie lief die Lesung, Herr Veyl? Mona fühlt sich heute nicht so, sonst hätte ich sie hinter die Theke gestellt und wär’ rübergekommen.« Rufus, der Wirt des Entenpfuhl, füllte die Gläser sorgsam bis zum Eichstrich, als messe er heikle Chemikalien für ein Experiment ab.
»Oh, es war gut. Keine plärrenden Kinder und die Grippewelle ist auch noch nicht angekommen. Eine
Lesung, die nicht alle paar Sekunden durch Schniefen oder Niesen unterbrochen wird, werte ich schon als Erfolg«, antwortete Janosch und betrachtete mit kritischem Blick, wie sich der Schaum seines Kilkennys knisternd unter die Markierung am Glas zurückzog. Rufus schien es nicht zu bemerken. »Wie kommt es eigentlich, dass Sie Prosecco führen, Rufus? Ich hätte das nicht für ein
standesgemäßes Getränk in einem Pub gehalten.«
Der Wirt streifte das sanft sprudelnde Getränk, das er gerade neben Janoschs Bier abstellte, mit einem verächtlichen Blick. »Isses auch nicht, das können Sie mir glauben. Aber in dieser Stadt kommt man nicht weit, wenn man so Schickimickizeug nicht anbietet.« Begleitet von
einem Seufzer, der das ganze Leid eines modernen Kneipenwirts zu beinhalten schien, stützte sich Rufus mit seinem ganzen Gewicht auf die Theke. Während Janosch die Getränke zurück an den Tisch balancierte, dachte er darüber nach, dass er selbst für Rufus wahrscheinlich auch zu diesem neumodischen Schickimickizeug zählte, das er eben in Kauf nehmen musste, um als Wirt überleben zu können. In seinem extravaganten, knielangen Strickmantel über dem weißen Rollkragenpullover und der Hose im auffälligen Hahnentrittmuster entsprach er vermutlich nicht dem Bild, das man vom typischen Gast eines Pubs hatte. Aber er und seine Freunde ließen viel Geld bei Rufus und fühlten sich in der unprätentiösen Atmosphäre sehr wohl. Man hatte sich miteinander arrangiert.
Noch bevor er den Tisch wieder erreichte, hörte er Yasmins schrille Stimme mühelos durch das Gemurmel der Gäste dringen.
»Er liest die Schatzinsel? Aber das ist doch ein Kinderbuch!«
Janosch seufzte.


Der Nebel teilte sich. Und ganz, als befände er sich auf einer kleinen Insel, die sich mit ihm bewegte und die ständig ihre Gestalt änderte, schloss sich der Nebel hinter dem Jogger sofort wieder. Er hätte nicht gedacht, dass es heute noch so neblig werden würde. Der Herbst war doch recht überraschend hereingebrochen. Er würde bald früher am Abend laufen gehen müssen. Gegen die Dunkelheit trug er eine Stirnlampe, aber gegen den Nebel konnte er nichts tun. In seinem Alter war das nicht ungefährlich – eine übersehene Wurzel oder ein hervorstehender Pflasterstein konnten zu einem folgenschweren Sturz führen.
Tief und regelmäßig atmend bog er auf den gewundenen Weg ein, der eine Böschung hinab und
zum Eingang eines Parks führte. Die Hintertür eines Blumenladens oben an der Straße stand offen und ein leichter Blütenduft floss gemeinsam mit dem Nebel den Hang herab. Waren es Lilien, die er da roch? Er war sich nicht sicher. Das schmiedeeiserne Parktor schälte sich wie ein Piratenschiff aus dem Nebel vor ihm. Es war lächerlich in seinem Alter, aber er fühlte eine leichte Beklemmung in sich aufsteigen. Der Park war nicht beleuchtet, aber der kürzeste Weg zurück zu seiner Wohnung führte dort hindurch. Was im Sommer eine willkommene Abwechslung von der Asphaltwüste der Bürgersteige war, auf denen er sonst joggte, war jetzt in der dunkleren Jahreszeit bedrohlich und nicht ganz ungefährlich. Er schaltete seine Stirnlampe ein und sofort schnitt ein scharfer Lichtstrahl durch das Dämmerlicht vor ihm. Schon fühlte er sich sicherer. Der Kies knirschte unter seinen gleichmäßigen Laufschritten, als er den Hauptweg betrat und zwischen alten Parkbäumen hindurch lief. Eigentlich sollte der Park bei Dunkelheit geschlossen sein. Auf dem ehemaligen Friedhof standen noch immer halb eingesunkene Grabsteine und verfallende Statuen herum, die für kletternde Kinder gefährlich werden konnten, aber die Öffnungszeiten waren dem Wechsel der Jahreszeiten noch nicht gefolgt. Seltsam, wie der Nebel Geräusche und Realität aufzusaugen schien. Alles Moderne schien angesichts dieses simplen Naturphänomens seine Macht zu verlieren. Ein interessanter Effekt
eigentlich. Er fragte sich, ob er diesen Gedanken in einem seiner Entwürfe verwenden konnte.
Plötzlich stutze er. Stand da vorne nicht jemand im Nebel? Seine Fantasie spielte ihm wahrscheinlich einen Streich, aber er meinte, in den Nebelschwaden vor sich eine Gestalt gesehen zu haben … eine Gestalt mit erhobenen Armen und dunklen Schatten an ihren Seiten, wie Schwingen! Aber das war unmöglich, das war nur wieder der Nebel. Trotzdem blieb er irritiert stehen. Sobald das gleichmäßige Geräusch seiner Schritte verstummte, hüllte ihn eine gespenstische Stille ein. Nur seinen eigenen
schweren Atem konnte er noch hören, während er angestrengt in die wabernde Finsternis vor sich spähte, um die dunklen Umrisse besser erkennen zu können.
Der Nebel warf das Licht seiner Stirnlampe zurück und machte sie praktisch nutzlos. Er fragte sich, ob er rufen sollte, entschied sich aber dagegen. Er hatte zu viele Krimis
gelesen, in denen der Tod eintrat, nachdem jemand »Ist da wer?« gerufen hatte.
Ein Lufthauch strich mit einem Mal durch den Park und ließ das verbliebene Laub an den mächtigen Bäumen raunen. Der Nebel lichtete sich für einen Moment und gab die überlebensgroße und halb zerbrochene Statue eines Engels frei, die an der nächsten Wegbiegung stand und auf ihn herabschaute. Vor Erleichterung lachte er leise auf. Er hatte gar nicht wahrgenommen, wie sehr
seine Muskeln sich vor Anspannung verkrampft hatten.
»Von wegen ›fürchte dich nicht‹ …« , dachte er noch, dann sah er eine Gestalt hinter dem Engel hervortreten.
Er schnappte nach Luft, wollte rufen – und dann spürte er den kalten, scharfen Schmerz an seinem Hinterkopf.
Einen Moment später spürte er nichts mehr.

»Aber ich verstehe nicht, warum die Leute in seinen Büchern nie etwas tun!« Yasmin Hernandez-Schmitts durchdringende Stimme hatte einen anklagenden Ton. Janosch nahm einen langen Schluck aus seinem Bierglas und blieb eine Antwort schuldig. Yasmin hatte die unhöfliche Angewohnheit, in der dritten Person zu kommunizieren, was er nicht ausstehen konnte. Janosch hatte immer das Gefühl, einem Billardspiel zuzusehen, bei dem der Spieler über die Bande versuchte, die Kugel
einzulochen.
Die Bande, in diesem Fall Lorena, schloss für einen kurzen Moment gequält die Augen.
»Ich meine, vorhin bei der Lesung zum Beispiel. Die Frau geht hierhin, die Frau geht dorthin. Sie sieht diesen alten Mann und denkt dann ewig über ihren toten Liebhaber nach. Warum macht sie nicht irgendetwas? Ständig sind die Leute in seinen Büchern traurig und sie
denken.« Eine Tätigkeit, der Yasmin offenbar nichts abgewinnen konnte.
Gegen seinen Willen fühlte Janosch sich zu einer Verteidigung seiner Figuren verpflichtet. »Aber Yasmin, es geht dabei um Stimmungen, um Gefühle. Die Handlung spielt sich in diesen Szenen im
Inneren der Figuren ab.«
Yasmin schien ihn gar nicht gehört zu haben. »Es gibt auch nie einen Mord. Die Leute wollen, dass es spannend ist! Du brauchst mehr Blut in deinen Büchern. Dann sind deine Lesungen auch nicht immer so leer.« Offenbar hochzufrieden mit ihrer Analyse von Janoschs schriftstellerischen Fehlern stand sie auf und zwängte ihre Arme mit viel Getue in eine winzige Pelzjacke. »Es ist schon spät, ich gehe besser nach Hause. Morgen ist Samstag, da ist im Laden viel los. Gute Nacht, ihr beiden!« Mit gehauchten Luftküssen und ohne einen Gedanken an die Bezahlung ihrer Getränke zu verschwenden,
stolzierte sie aus dem Pub.
»Da wir jetzt also unter uns sind«, Lorena lehnte sich wohlig in ihrem Stuhl zurück, »wann schreibst du denn nun endlich deinen ersten Thriller? Wir wollen Blut, Flüsse voller Blut, und Straßen gepflastert mit Innereien und abgetrennten Körperteilen.«
»Ach, ich habe es eigentlich nicht so mit diesen seichten
Feelgood-Romanen. Wenn die Leute Blut wollen, sollen sie sich eine Bundestagsdebatte ansehen«, antwortete Janosch und stand auf. »Letzte Runde, würde ich sagen. Da Yasmin ja ausnahmsweise aussetzt, bin ich wohl dran. Was darf’s sein?«
»Du bist eben ein echter Gentleman.« Lorena ließ ein ironisches Lächeln sehen und bat um einen Whisky. Eine Wahl, der sich Janosch anschloss.
Sie hatten kaum den ersten Schluck genommen und eine angenehm träge Debatte über Literaturgenres begonnen, als die Pubtür wie von einer Sturmböe jäh aufgestoßen wurde. Der Glaseinsatz klirrte, als die Tür gegen die Wand schlug und nur haarscharf einen Gast
verfehlte.
Im Türrahmen, hinter sich die neblige Nacht, stand Yasmin. Keuchend und mit weit aufgerissenen Augen und dem schwarzen Haar, das ihr zerzaust vom Kopf abstand, sah sie in Janoschs Augen aus wie eine mythische Waldhexe. Die Illusion zerplatzte aber sofort, als ihre vor Panik schrille Stimme durch den Raum gellte.
»Draußen … im Park … da liegt eine Leiche!«
Die darauf einsetzende Stille endete abrupt, als Yasmin auf der Türschwelle ohnmächtig zusammenbrach.

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