Qualitätsmanagement

Cover "Qualitätsmanagement" von Walter Fink

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Inhalt

Das Leben könnte es schlechter meinen mit Mark.
Ein guter Job, eine hübsche Verlobte und ein Schwiegervater in spe, der für ihn sorgt – in den unsicheren Verhältnissen des Jahres 2038 ist das schon eine Menge.
Doch ein Zwischenfall lässt Mark neu über den Wert von Kunst und Freiheit nachdenken und alles infrage stellen, was er bisher angestrebt hat. Und welche Ziele verfolgt eigentlich der undurchsichtige Natan, der plötzlich mit beunruhigenden Informationen auftaucht?

ISBN

978-3-7534-9966-6


Leseprobe

Prolog

Die Nachrichtensprecherin wandte sich der nächsten Meldung zu. So intensiv wie noch vor keiner Sendung bisher hatte sie sich heute darauf vorbereiten müssen, ihre persönliche Meinung nicht erkennen zu lassen.

»Der Bundestag hat heute eine Reihe von Gesetzen verabschiedet, die das berufliche Leben der Deutschen in Zukunft prägen werden. Kern der Veränderungen ist die Zusammenlegung von Kultusministerium und Wirtschaftsministerium sowie der Agentur für Arbeit zum neugeschaffenen Ministerium für Wirtschaft und Humankapital. Diese Änderungen wurden möglich, nachdem sich die Bundesländer vor einigen Wochen in einer als ›historisch‹ bezeichneten Entscheidung darauf geeinigt hatten, künftig auf wichtige Kompetenzen zu verzichten, darunter auch die Bildungshoheit.«

Nur, wer regelmäßig die Hauptnachrichten im Fernsehen sah, bemerkte den missbilligenden Unterton in der Stimme der Chefsprecherin.

»Darüber hinaus tritt das ›Beschäftigungsanweisungsgesetz‹ in Kraft, das die freie Berufswahl aufhebt und die Entscheidung über Ausbildungsweg und Beruf eines jeden Menschen in die Hände des neuen Ministeriums legt. Der Wirtschaftsminister, der das neue Ministerium leiten wird, hat darüber hinaus heute eine Kooperation mit dem Internetgiganten ›IC‹ bekanntgegeben. Ziel der Zusammenarbeit ist die Etablierung einer verpflichtend zu installierenden App für alle internetfähigen Endgeräte. Diese soll in Zukunft Daten über jeden Bürger ab dem dreizehnten Lebensjahr sammeln und so eine individuell passende Berufszuteilung ermöglichen. In diesem Zusammenhang betonte ein Ministeriumssprecher erneut, dass die Daten zweckgebunden seien und zu keinem anderen Zweck verwendet würden.«

Die Nachrichtensprecherin hielt kurz inne und sah dann direkt in die Kamera.

»Im Zusammenhang mit den heutigen Gesetzesänderungen ergeben sich noch zahlreiche weitere Neuerungen. Wir beleuchten diese deshalb nach den Nachrichten in einer Sondersendung. Und nun das Wetter für morgen, Dienstag, den dreiundzwanzigsten Juni 2030.«

Das Fernsehbild der Nachrichtensprecherin verblasste langsam von den Rändern her, bevor es ganz erlosch. Mit steinerner Mine legte der ehemalige Abgeordnete der Opposition die Fernbedienung auf den Wohnzimmertisch zurück. Außer der grauen Gesichtsfarbe deutete nichts auf die intensiven Gefühle hin, die in seinem Inneren tobten und das Ende eines langen und erbitterten Kampfes orchestrierten. Langsam wie jemand, der im Begriff ist, etwas Unvermeidliches zu tun, stand der Mann auf und machte sich bereit, das Haus zu verlassen. Er hatte gerade zum letzten Mal in seinem Leben einen Fernseher ausgeschaltet.

1

Eine goldene Zukunft

Acht Jahre später hatte Mark Leiter das Gefühl, sich durch eine dunkle, zähe Masse arbeiten zu müssen, als er an einem schwülwarmen Sommerabend durch die Innenstadt schlenderte. Wie Sirup umhüllte ihn die Luft und machte seine Schritte auf dem belebten Bürgersteig mühsam. Er hatte den Eindruck, dass auch seine Gedanken und Empfindungen in ihrem Fluss gehemmt waren. Eigentlich müsste er jetzt doch eine Hochstimmung empfinden oder wenigstens nagende Zweifel spüren. Nach dem, was er gerade in einem der feinsten Restaurants der Stadt erlebt hatte, hätte Mark zumindest irgendein deutliches Gefühl von sich erwartet. Stattdessen war da nur dieses undefinierbare nervöse Prickeln, das wie Kohlensäure durch seine Adern perlte.

Eigentlich war er auf dem Weg zur Metro, um nach Hause in seine kleine Wohnung zu fahren, aber als er plötzlich die auf Hochglanz polierte Holztür einer Weinbar neben sich auftauchen sah, folgte er einer spontanen Eingebung und öffnete die Tür.

Der Gastraum war nicht groß, dafür aber gut gefüllt. Zu dieser vorgerückten Stunde bestanden die Gäste vornehmlich aus Menschen, die den Höhepunkt des Abends bereits hinter sich hatten, vor dem Zubettgehen aber noch eine Zwischenstation einlegen wollten. Wie er selbst, dachte Mark, als er sich etwas unsicher in dem gemütlich eingerichteten Lokal umsah, bevor er einen der wenigen noch freien Sitzplätze an der Theke ansteuerte. Die Gäste trugen allesamt Kleidung von gehobener Qualität oder sogar vornehme Abendgarderobe, sodass Mark in seinem schwarzen, figurbetonten Anzug und dem weißen Hemd zu seiner Erleichterung nicht weiter auffiel.

Entgegen dem Trend, der Lokale wie dieses reihenweise als postmoderne Designtempel aus Glas, Stahl und farbiger Beleuchtung wiederauferstehen ließ, hatte der Gastraum mehr den Charme eines vornehmen Clubs aus dem 19. Jahrhundert, wenn auch vorsichtig modernisiert. Der Altersdurchschnitt der Gäste wurde durch sein Eintreten sicherlich drastisch gesenkt. Diejenigen, die nicht gerade in angeregte Gespräche vertieft waren, verfolgten Marks Weg von der Tür zur Theke mit der üblichen beiläufigen Aufmerksamkeit untätiger Gaststättenbesucher. Wer nicht mit seinen Gedanken beschäftigt war, schien Marks hochgewachsene Gestalt mit einem gewissen Wohlwollen zu betrachten.

Etwas ungelenk ging er zwischen den Stühlen hindurch zu einem Platz ganz am Rand der Theke. Jetzt, da er saß, wirkten die gedämpften Gespräche der anderen Gäste und die Atmosphäre der Bar beruhigend auf seine Nerven ein. Er wusste gar nicht recht, warum er draußen auf der Straße so nervös gewesen war; ebenso wenig, warum er diese Weinbar betreten hatte, schließlich war er noch nie hier gewesen und hatte sie nur im Vorbeigehen bemerkt. Mark dachte üblicherweise nicht allzu viel über sich selbst nach, aber manchmal wunderte er sich.

Er nahm einen Schluck von der bernsteinfarbenen Flüssigkeit, die ihm der Kellner in einem schweren Glas gebracht hatte und spürte, wie ihn eine Welle der Wärme durchströmte. Mit der Wärme kam endlich auch das Hochgefühl, das er draußen auf der Straße vermisst hatte. Das war heute wirklich ein besonderer Abend; ein Abend, auf den er lange gehofft hatte. Zuletzt, wie er sich eingestehen musste, aber mit abnehmender Zuversicht.

»Beerdigung oder Galadinner?« Die spröde spöttische Stimme riss Mark aus seinen Gedanken.

»Wie bitte«? Er drehte den Kopf nach rechts, von wo die Stimme gekommen war. An einem Nischentisch nur eine Armlänge entfernt saß allein eine ältere Frau, mindestens Anfang siebzig. Zu einem weiten, flauschigen Pullover aus heller Wolle trug sie eine zweireihige Perlenkette und unecht aussehende Ohrclips mit grünen Steinen. Ihren Stuhl hatte sie so gedreht, dass sie der Theke zugewandt saß; die Beine übereinandergeschlagen und in der Hand ein kelchartiges Glas mit einer minzfarbenen Flüssigkeit darin. In ihren Augen blitzte der Schalk. Sie deutete mit ihrem Glas in Marks Richtung. »Bei Ihrem Anzug könnte es beides sein. In meiner Jugend haben wir uns noch getraut, Farben zu tragen, wenn wir etwas zu feiern hatten.«

Mark sah sie einen Moment lang an, bevor er mehr aus Höflichkeit mit den Mundwinkeln ein Lächeln andeutete. »Es war nur ein Essen.« Schon als er sich wieder abwandte, wusste er, dass sie mit ihm noch nicht fertig war. Nur ein Essen? Warum hatte er das gesagt? Das Glas in seiner Hand blitzte im Licht, als er es hob und in einem Zug leerte. Er gab dem Barmann ein Zeichen, es erneut zu füllen.

»Mit Ihren jungen Freunden? Sicher war es sehr unterhaltsam.« Etwas Wehmut hatte sich in die Stimme der alten Frau geschlichen, aber der spöttische Gesichtsausdruck war unverändert.

»Mit meiner Freundin.« Mark fixierte den Barmann, der mit seinem neuen Whisky zurückkam.

»Und dazu der Beerdigungsanzug? Wie romantisch. Hat sie etwa mit Ihnen Schluss gemacht?«

Was hatte die Alte nur für ein Problem mit ihm? Er drehte sich zu ihr um. »Nein, einen Heiratsantrag. Zum Wohl!« Er prostete ihr süffisant zu und sah mit Befriedigung, wie endlich das Grinsen von ihrem Gesicht herabtröpfelte. Mark nahm sein Handy aus der Hosentasche und sah auf das Display. Keine neuen Nachrichten, kein Anruf. Er legte das Telefon vor sich auf die Theke und richtete es dabei an der Tischkante aus. Den zweiten Whisky hatte er überhaupt nicht trinken wollen. Er hatte den ersten nur wegen der alten Frau so schnell hinuntergestürzt.

Das Glas in seiner Hand funkelte erneut, als er es abstellte, beinahe wie ein Diamant. Musste er Anasthasia jetzt eigentlich einen Verlobungsring kaufen? Er hatte keine Ahnung, wie das lief, wenn die Frau den Antrag machte. Sie hatte ihm jedenfalls keinen geschenkt. Das würde er zu Hause recherchieren müssen. Jetzt, unter dem taxierenden Blick der alten Schachtel wollte er es jedenfalls nicht auf seinem Handy nachschlagen. Verstohlen versuchte Mark aus dem Augenwinkel heraus zu erkennen, ob die Frau ihn noch immer ansah. Tatsächlich, aber jetzt hatte sie einen geradezu komischen perplexen Blick im Gesicht. Als sie merkte, dass Mark sich zu ihr umdrehte, riss sie sich zusammen und prostete ihm nun ihrerseits mit ihrem ungesund grünen Getränk zu. »Zum Wohl, mein Junge. Und herzlichen Glückwunsch zur Verlobung.«

»Danke. Sie sind die Erste, die mir gratuliert.«

»Wie alt sind Sie, mein Junge?« Sie leckte sich über die Lippen und verteilte dabei etwas roten Lippenstift auf ihren Schneidezähnen. Plötzlich tat sie Mark furchtbar leid. So alt und allein, dass sie mit fremden Menschen in einer Bar reden musste.

»Fast vierundzwanzig, in ein paar Wochen.«

»Vierundzwanzig.« Die Frau schien sich nicht vorstellen zu können, dass man so jung sein konnte. »Da war ich schon mit meinem Ernst verheiratet.« Sie sagte es mehr zu sich selbst.

»Waren Sie denn glücklich gemeinsam, Sie und Ihr Ernst?« Mark hätte sich normalerweise nicht so weit vorgewagt, aber da die Frau ihre Fragen selbst ohne Hemmungen stellte, sah er es als gerechtfertigt an.

Ein amüsiertes Lächeln kehrte in ihre Augen zurück, als sie nach einem Moment antwortete. »Manchmal, ja.« Sie lachte leise. »Die jungen Leute stellen sich die Ehe immer als ein großes Glück vor, das niemals endet. Romantisch an jedem einzelnen Tag. Aber eine Ehe ist harte Arbeit.« Sie lächelte, als wolle sie dem Gesagten den Stachel nehmen. »Ich will Ihnen keine Angst machen. Mit der richtigen Person an Ihrer Seite ist es das wert. Einsamkeit –« Sie blickte erschauernd in den Gastraum voller plaudernder Menschen, »Einsamkeit ist grausam.«

Mark wusste nicht recht, was er antworten sollte. Er fühlte sich plötzlich schuldig dafür, dass er frisch verlobt war und die Frau vor ihm von ihrer Einsamkeit redete. Er hatte beinahe das Bedürfnis, zu antworten, dass er keineswegs an immerwährendes Glück glaubte, fragte sich aber im selben Moment, was eine solche Bemerkung am Tag seiner Verlobung wohl über ihn aussagen würde.

»Aber wissen Sie«, fuhr die alte Frau fort, »was noch viel schlimmer ist als allein und einsam zu sein? Verheiratet und einsam zu sein.« Und mit diesen Worten kippte sie den Rest ihres grünlichen Getränks, stand erstaunlich sicher auf und griff nach einem leichten Überzieher, den sie trotz der hochsommerlichen Temperaturen dabei hatte. Mark erhob sich ebenfalls und half ihr galant in die Jacke.

»Danke, junger Mann, sehr freundlich.« Sie legte ihm zum Abschied ihre zittrige Hand auf den Arm. »Passen Sie gut auf sich auf.« Sie nickte mit Nachdruck, als verberge sich eine tiefere Wahrheit in ihren Worten. Bevor Mark etwas erwidern konnte, hatte sie sich umgedreht und ging mit zielstrebigen Schritten auf den Ausgang zu.

Erst, als sie in der Nacht verschwunden war, setzte sich Mark langsam wieder und schüttelte den Kopf, in dem noch immer die gegensätzlichen Gedanken klimperten, die ihn hierher geführt hatten. »Wirklich ein Tag voller Überraschungen«, sagte er leise zu sich und winkte erneut den Kellner heran.

2

Ein Tag wie jeder andere

Auch an diesem frühen Morgen gegen Ende der Woche lastete feuchtwarme Luft schon schwer auf der Stadt, als Mark auf dem Weg zur Arbeit im Zug saß. Hinter den Häusertürmen begann der Horizont gerade erst allmählich milchig-weiß zu leuchten, ein Bodensatz aus verdichteter Feuchtigkeit. Das Zugfenster ihm gegenüber war schmutzig und voller Kratzer. Der drohende Sonnenaufgang blitzte während der Fahrt immer wieder kurz zwischen den Hochhäusern hindurch. Mark fixierte ihn durch das Fenster wie einen herannahenden Feind, dem man nicht entgehen kann. Ein schmutziger, zerkratzter Sonnenaufgang. Die Klimaanlage war wieder einmal defekt und die Luft im Waggon hatte sich trotz des frühen Morgens bereits mit warmer Feuchtigkeit vollgesogen und drückte wie nasse Watte gegen die Körper der Fahrgäste. Mit stoischen Gesichtern saßen und standen sie dichtgedrängt und ließen sich von der Metro zu ihren Arbeitsplätzen transportieren. Mark sah fast durchweg Kleidungsstücke, die weniger zu den Temperaturen der spätsommerlichen Realität passten, sondern in erster Linie dem Dresscode der Arbeitgeber Rechnung trugen. Seit er eingestiegen war, hatte er sich kaum bewegt, doch unter dem weißen Anzughemd spürte er schon, wie sich ein Schweißfilm auf seiner Haut bildete. Mit jeder Lichtsalve, die in den Waggon eindrang, schien die Temperatur unwiderruflich zu steigen. Im Büro würde die Luft wenigstens klimatisiert sein.

Mark warf einen Blick auf die schwere Armbanduhr an seinem Handgelenk und stellte fest, dass er pünktlich sein würde. Als er den Kopf wieder hob, kreuzte er den Blick eines anderen Fahrgastes. Peinlich berührt sah Mark wieder aus dem Fenster. Nach einigen Sekunden schaute er verstohlen noch einmal hin. Der junge Mann war ihm in der letzten Zeit schon ein paar Mal aufgefallen. Er wirkte nicht viel älter als Mark selbst und trug modische Kleidung, die sich an den offensichtlich trainierten Körper schmiegte, wie Mark nicht ohne Neid bemerkte. Eine moderne Tasche aus grobem Tuch stand zwischen teuer aussehenden Sportschuhen auf dem Boden. Ein Surfer, den man vom Strand weggeholt und in Straßenklamotten gesteckt hat, schoss es Mark durch den Kopf. Die blonden Haare waren verstrubbelt, als käme er gerade vom Surfbrett, aber die Augen durchbrachen den jungenhaften Eindruck. Tiefgrün wie prähistorische Pflanzen, eingeschlossen im Gletschereis, leuchteten sie Mark entgegen und standen in befremdlichem Kontrast zu dem jugendlichen Gesicht.

Plötzlich fiel Mark auf, dass der andere ihn seinerseits musterte und seinen Blick offenbar bemerkt hatte. Die Andeutung eines Lächelns legte sich über das Gesicht des Fremden. Sofort verschwand die Kälte aus dessen Augen und wandelte sich in ein verschmitztes Funkeln. Schnell sah Mark weg, um jede Kontaktaufnahme schon im Keim zu ersticken. Er holte sein Handy aus der Hosentasche und tat so, als sehe er sich etwas darauf an. Dabei hielt er das Gerät vorsorglich so, dass der schmale, silberfarbene Ring an seiner rechten Hand auffallen musste – sicher war sicher.

Eigentlich müsste er den Freundschaftsring ja jetzt wenigstens an die linke Hand stecken, schließlich war er seit einigen Tagen verlobt. Mark schlug die Beine übereinander und atmete tief durch. Die Luft strudelte in seine Lungen wie lauwarmes Wasser. Sein Hemdrücken war längst schweißnass, als der Zug seine Fahrt verlangsamte und in das erlösende Dunkel der Haltestelle eintauchte. Er sollte sich wegen der defekten Klimaanlage wirklich bei der Verkehrsgesellschaft beschweren. Viele Passagiere wollten hier aussteigen und drängten sich durch den Gang den Türen entgegen. Mark griff nach seinem Aktenkoffer und stand ebenfalls auf. Als er die Menge musterte, konnte er den jungen Mann schon nicht mehr ausmachen.

Pflichtbewusst sah er als Mitarbeiter des Ministeriums für Wirtschaft und Humankapital eine Sekunde lang zu den Kameras an den Stationswänden auf, wie es dessen Verhaltensempfehlung nahelegte. Es kam zu dem üblichen kurzen Stau an den Ticketschranken, dann ließ Mark sich inmitten der anderen Pendler von einer endlosen Rolltreppe hinunter zur Straßenebene transportieren.

Während des grenzenlosen Baubooms der letzten beiden Jahrzehnte waren in vielen Städten neue Geschäftszentren aus dem Boden geschossen. Der öffentliche Nahverkehr war dabei vielerorts durch Hochbahnsysteme ergänzt worden, deren Stationen teilweise in die neuen Gebäude integriert worden waren.

Vom Ausgang auf der Straßenebene aus war es nur noch ein kurzer Fußweg zu seinem Arbeitsplatz im Ministerium, doch als Mark dort ankam, fühlte sich seine Kleidung an, als sei er dorthin geschwommen.

Die örtliche Niederlassung des Ministeriums für Wirtschaft und Humankapital befand sich in einem ehemaligen Schlachthaus. Um das Jahr 2030 herum hatten weitreichende Umstrukturierungen des Wirtschafts- und Bildungssystems stattgefunden. Das neu geschaffene Ministerium für Wirtschaft und Humankapital vereinigte nun die Agentur für Arbeit sowie das Wirtschafts- und Kultusministerium in sich und benötigte seitdem Vertretungen in jeder größeren Stadt, um dem erweiterten Aufgabenbereich gerecht werden zu können.

In Gedanken schon bei den Aufgaben des heutigen Tages betrat Mark das riesige, verglaste Erdgeschoss. Früher war hier die große Schlachthalle gewesen, heute diente es als Lobby und Bürgerservice-Center des Ministeriums. Die Blutflecke habe man aber vorher entfernt, hatte Marks Vorgesetzter ihm an seinem ersten Arbeitstag versichert.

Mit dem Fahrstuhl fuhr Mark nach oben, betrat das Großraumbüro und ging zwischen den Stellwänden hindurch zu seinem Platz. Entlang der Durchgänge war der Teppichboden ausgetreten; wie Trampelpfade führten die schmalen Gänge durch das Labyrinth der Arbeitszellen hindurch. Die Jalousien vor den Fenstern waren heruntergelassen und hielten die grausame Sonne, die inzwischen aufgegangen war, draußen. Kunstlicht sog die Farbe aus dem Raum und den Gesichtern. Die Luft war kühl und obwohl Mark froh darüber war, hatte er in seinem verschwitzten Hemd jetzt Angst, sich hier den Tod zu holen.

Die meisten Arbeitszellen waren für zwei Personen ausgelegt, Marks Kollege Ben war allerdings vor Kurzem in eine andere Abteilung versetzt worden und seitdem war der zweite Arbeitsplatz ungenutzt. Mark war traurig über Bens Versetzung, er hatte sich gut mit dem massigen Mann und seinem derben Humor verstanden, aber die zusätzliche Privatsphäre war auch nicht zu verachten.

Auf Marks Schreibtisch standen nicht viele persönliche Gegenstände. Dafür wäre auch kaum Platz gewesen, denn nahezu jedes freie Stück Tischplatte war mit akkurat ausgerichteten Papierstapeln belegt. Nur ein kleines, silbern gerahmtes Foto stand unterhalb seines Bildschirms. Es zeigte seine Freundin – seine Verlobte, wie Mark sich in Gedanken schnell korrigierte – Anasthasia, eine junge Frau mit schmalem Gesicht und schulterlangem, blondem Haar. Sie war von einer kühlen Schönheit, die jeden Betrachter in ihren Bann zog, obwohl sie auf dem Bild nicht lächelte.

Gegen Mittag näherte sich Marks Vorgesetzter mit einem dicken Packen Papier seinem Arbeitsplatz. Alle Kollegen nannten ihn nur Schneider, seinen Vornamen hatte bisher niemand gewusst, den Mark gefragt hatte. Allgemein wurde vermutet, dass er überhaupt keinen hatte.

»Ich hab’ hier ein paar dringende Beschäftigungsbescheide für Sie«, sagte Schneider mit schnarrender Stimme und ließ die Papiere mit einem satten Klatschen auf den einzigen freien Fleck auf Marks Schreibtisch fallen. Zwischen dessen ordentlich Stoß auf Stoß gelegten Unterlagen wirkten sie wie ein Affront. »Die müssen heute noch raus, müssten Sie jetzt erstmal vorziehen.«

Mit einem Grummeln im Magen sah Mark auf seine Uhr. Gleich hatte er noch ein Bürgergespräch zu führen, er würde die Mittagspause ausfallen lassen müssen, wenn er einigermaßen pünktlich nach Hause gehen wollte. Bevor er sich wieder an die Arbeit machen konnte, kam vom Eingang des Großraumbüros her Ben auf ihn zu, der Kollege, mit dem er sich bis vor kurzem noch die Arbeitszelle geteilt hatte. Er war unmöglich zu übersehen; ein Bär von einem Mann, groß, mit schwarzem Bart und ein wenig zu viel Umfang, der ihm aber gut stand. Mit seinen Mitte Dreißig war der Altersunterschied zwischen ihnen noch so gering, dass ein generationsbedingtes Band zwischen beiden entstanden war und gleichzeitig groß genug, damit Mark ihn hier und da als Vorbild ansehen konnte. Außerdem faszinierte ihn Bens unangepasste Art. Sein bärtiges Gesicht verzog sich zu einem Grinsen, als er an Marks Arbeitsplatz ankam.

»Tag mein Alter, vermisst du mich schon?«

Sie klopften sich zur Begrüßung auf die Schultern, was in Marks Fall zu einer schmerzverzerrten Grimasse führte.

»Hast du schon das Neueste gehört? Der Minister will in drei Wochen eine Pressekonferenz geben. Aktuelle Wirtschaftslage, Aussichten fürs nächste Jahr und viel Eigenlob. Wir sollen die Veranstaltung vorbereiten.«

Mark stöhnte. Das hatte gerade noch gefehlt. Gerade hatte der September begonnen, in dessen Mitte die Ausbildungen starteten. Bis dahin mussten alle Beschäftigungsbescheide des laufenden Jahres verschickt worden sein, was ihre Abteilung traditionell in ein fiebriges Chaos stürzte. Es liefen schon Wetten darüber, wie viele Mitarbeiter dieses Jahr einen Nervenzusammenbruch erleiden würden.

»Na klasse. Hat Schneider schon Aufgaben verteilt?«, fragte Mark.

Ben schüttelte den gewaltigen Kopf. »Nein, wahrscheinlich macht er das morgen. Aber ich habe gehört, wegen meines Vorwissens soll ich helfen, den Livestream zu realisieren. So oder so, das wird ein ordentlicher Tanz werden, bis wir dieses Event geplant haben.« Das Grinsen kehrte wieder auf sein Gesicht zurück. »A propos Tanz, was wird eigentlich euer Hochzeitstanz sein? Gibt’s da zünftiges Headbangen? Wehe, ich bin nicht eingeladen.«

Mark verdrehte die Augen. »Ich habe keine Ahnung, Ben. Ich weiß selbst noch keine ganze Woche, dass ich heiraten werde. Aber du bist der Erste, der es erfährt, versprochen.«

Ben machte eine übertrieben beschwichtigende Geste und stapfte, noch immer grinsend, zu seinem Arbeitsplatz davon.

Mark zog sich ein Sandwich aus dem Automaten und aß es im Stehen, bevor er sich auf den Weg nach unten ins Erdgeschoss machte. Widerwillig baute er seinen Laptop in einem der kleinen Büros hinter dem Foyer auf, wo jeder Kontakt mit den Bürgern abgewickelt wurde. Mark rief den Eintrag des Antragstellers in seinem System auf, um sich vor dem Gespräch noch kurz zu informieren. Er sah die Eckdaten: Neunzehn Jahre alt, Abiturient, gute Noten. Intaktes Elternhaus (soweit bekannt), Freundin. Jede Information konnte angeklickt werden, um Details zu den Einschätzungen zu erhalten.

Es klopfte an der Glastür, Mark sah auf und winkte den jungen Mann herein. Mark musterte ihn, während er den Raum durchquerte. Ein intelligentes Gesicht, gepflegte Rastalocken, gedeckter Pullover mit Hemd darunter. Er sah wirklich sehr jung aus und offensichtlich nervös. Es ging um seinen Beschäftigungsbescheid, wie sich schnell herausstellte. Seit dem Umbau der Wirtschaft zum aktuellen System konnte ein Bürger seinen Beruf nicht mehr frei wählen – außer, er gründete ein eigenes Unternehmen. Menschen wurden den Jobs je nach Bedarf und persönlicher Eignung zugeteilt, wieder entzogen und umverteilt.

Mark sah sich den Beschäftigungsbescheid in der Hand des jungen Mannes an und erkannte sofort, dass es sich dabei um einen typischen Quotenbescheid handelte. Die Vorschläge passten nicht zu ihm, aber die entsprechenden Berufe waren noch nicht ausreichend besetzt worden. Der erste Beschäftigungsbescheid, den ein Bürger in seinem Leben erhielt, ließ ihm die Wahl zwischen drei Vorschlägen, aber in diesem Fall passte keiner. Manchmal ließ sich das nicht vermeiden, irgendjemanden traf es immer.

»Dann wollen wir mal sehen.« Mark schaute sich den Datensatz eine Zeitlang an, der junge Mann sah ihm schweigend zu, die Hände im Schoß gefaltet. Einmal schluckte er schwer. Mark versuchte, ihn nicht direkt anzuschauen. Er hatte damals selbst einen Gesprächstermin wegen seines eigenen Beschäftigungsbescheides gehabt. »Ich sehe hier drei Vorschläge: Studium der allgemeinen Wirtschaftsreife, Fachkraft für Lagerlogistik oder professioneller Trompeter.« Mark zwang sich, dem Jungen in die Augen zu schauen. »Das sind gute Vorschläge. Ich nehme an, Sie brauchen Rat bei der Auswahl?«

Sein Gegenüber schluckte wieder und räusperte sich, bevor er sprach. »Nein, also eigentlich – ich hätte so gern Biologie studiert. Wissen Sie, ich begeistere mich schon so lange für Pflanzen. Ich hab sogar Jugend-Forscherpreise gewonnen und in den Ferien an Programmen der Uni teilgenommen. Ich – ich weiß nicht, wieso das bei meinen Vorschlägen untergegangen ist. Vielleicht ist da ja ein Versehen passiert?« Er blickte Mark beinahe flehend an.

Nur das Klicken der Maustasten war zu hören, während Mark sich das Profil auf seinem Bildschirm näher ansah. »Wir haben diese Informationen durchaus vorliegen. Aber wie Sie wahrscheinlich wissen, sind Studienplätze abseits des Studiums der allgemeinen Wirtschaftsreife extrem begrenzt worden. Nur die Allerbesten kommen dafür in Frage und ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Sie nicht dazu gehören.«

Der junge Mann sank auf seinem Stuhl zusammen. »Aber – bitte, gibt es dann nicht vielleicht etwas Anderes mit Pflanzen? Ich – ich würde auch als Gärtner arbeiten! Lagerlogistik –«, er wirkte völlig verzweifelt, »ich weiß wirklich nicht, wie das zustande kommt.«

Kann ich dir erklären. Die Leute in diesem Job werden schneller verheizt, als sie nachwachsen können, deswegen werden sie grundsätzlich immer gebraucht. Vor seinem inneren Auge sah Mark sich selbst, wie er an einem seiner letzten Schultage nach Hause gekommen war und seinen eigenen Beschäftigungsbescheid gefunden hatte. Das Bild des elterlichen Briefkastens mit dem schicksalsschweren Brief darin hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt. »Was ist denn mit der Ausbildung zum Trompeter? Das vergeben wir wirklich nicht oft. Den Daten zufolge sehen Sie sich viele Videos mit Jazztrompetern im Internet an und suchen häufig nach ähnlichen Schlagworten.«

Der Junge wurde rot im Gesicht, offensichtlich hatte er sich nicht klar gemacht, was es bedeutete, dass alle Online-Aktivitäten jedes Bürgers ab dem dreizehnten Lebensjahr über eine verpflichtend zu installierende App gesammelt und auf berufliche Eignung hin ausgewertet wurden. Mark erlebte das oft. Er versuchte insgeheim den Menschen, die in seine Beratungsgespräche kamen, einen Warnschuss vor den Bug zu geben, wenn er sie auf diese Art mit den gesammelten Daten konfrontierte. Er ahnte schon halb, welche Antwort der Junge geben würde. Mark selbst hatte sie vor fast fünf Jahren empört geäußert, als ein Sachbearbeiter ihm nachweisen wollte, dass er sich in besonderem Maße für den Beruf des Schwimmlehrers eignen würde.

»Aber – das stimmt gar nicht! Das ist meine Freundin, die benutzt meinen Computer immer, wenn sie bei mir ist. Das – ich wusste doch nicht, dass –« Er verstummte und sah Mark mit wässrigen Augen an. Der junge Mann schien den Tränen nahe zu sein.

Marks Herz schrie beinahe, er solle gefälligst einen neuen Bescheid ausstellen, der seinem Gegenüber die Welt der Pflanzen zu Füßen legte. Aber seine Anweisungen ließen ihm keinen Spielraum, schließlich wurde seine Arbeit ebenso überwacht wie die aller anderen. »Ich kann da nicht viel machen.« Marks Stimme klang deutlich weniger fest, als er sich gewünscht hätte. Er hasste sich selbst, als er dem Jungen seinen Beschäftigungsbescheid wieder über den Tisch reichte. »Ich prüfe noch mal ein, zwei Dinge, aber machen Sie sich keine großen Hoffnungen.« Mark stand auf um zu signalisieren, dass das Gespräch zu Ende war. »Überlegen Sie sich das mit der Trompete, dann können Sie wenigstens Ihrer Freundin imponieren.«

Der junge Mann schüttelte ihm flüchtig die Hand und hatte es sehr eilig, das Büro zu verlassen. Bevor er die Tür von außen schloss, hörte Mark ihn vernehmlich schniefen.

Mark ließ sich auf den Stuhl zurückfallen und starrte frustriert auf die Glastür. Dieser Tag war für ihn gelaufen.

Um fünfzehn Uhr war Mark tief in die Papiere vergraben, die Schneider ihm am Mittag auf den Tisch geworfen hatte, als sein Telefon klingelte.

»Mark? Ich hoffe, ich störe dich nicht.« Es war Anasthasia.

»Nein, ich hab’ nur ziemlich viel zu tun.«

»Ja, ich auch. Heute ist der Teufel los, wir müssen das neue Rheumamedikament zertifizieren lassen und die Papiere sind noch immer unvollständig.«

Mark wartete darauf, dass sie auf den Grund ihres Anrufs kam. Die gegenseitige Beteuerung ihres Arbeitspensums war zu einem festen Ritual geworden.

»Ich wollte dich nur daran erinnern, dass ich den Tisch heute Abend für 18 Uhr bestellt habe. Um 19 Uhr hatten sie nichts mehr frei. Wir treffen uns dann an der Bar, ja?«

Tisch? War das mit dem Abendessen heute? Mark scrollte hektisch durch den Kalender in seinem Smartphone. Tatsächlich: 18 Uhr, Abendessen mit Thasia. »Ja klar, ich denke dran.« Mark bemühte sich um einen gelassenen Tonfall.

Er wandte sich wieder den Beschäftigungsbescheiden zu. Seine Gedanken schweiften jetzt aber immer wieder zurück zu dem Essen am Anfang der Woche, während dem Anasthasia um seine Hand angehalten hatte. Sie hatte ihn einfach gefragt, zwischen der Vorspeise und dem Hauptgang. Sogar ein Kellner mit einer Flasche Champagner war im richtigen Augenblick herbei gesprungen.

Mark fuhr aus seinen Gedanken auf und rief sich zur Ordnung. Er sollte sich besser auf seine Arbeit konzentrieren, wenn er bis achtzehn Uhr fertig werden wollte. Ohne ein plötzliches Wunder hatte er da sowieso keine große Hoffnung.

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