Kategorien
Schreibschnipsel

Das Haus in der Gartenstraße 3/3

Das waren die letzten Einträge in Tinas Tagebuch. Sie rief mich am Abend des darauffolgenden Tages noch einmal an. Sie war völlig aufgelöst. Am Morgen und im Verlauf des Tages hatte sie noch weitere Episoden gehabt, die sie als Blackouts bezeichnete und in denen sie sich an nichts erinnern konnte. Sie wusste noch genau, was sie jeweils vor diesen Lücken getan hatte, aber plötzlich habe sie sich an einem ganz anderen Platz in der Wohnung befunden und die Uhrzeit sei vorangeschritten gewesen. Einmal habe sie den Schürhaken in der Hand gehalten, ohne sich erinnern zu können, warum sie ihn aufgehoben hatte oder dass sie das überhaupt getan hatte.

Als sie mich abends anrief war sie zutiefst darüber beunruhigt, dass Julian noch nicht nach Hause gekommen war. Er kam wohl üblicherweise zu relativ festen Zeiten von der Arbeit und rief stets an, wenn er sich verspätete. Sie hatte ein paar Stunden gewartet und dann in seinem Büro angerufen, wo aber niemand mehr abnahm. In ihrer zunehmenden Angst rief sie dann in den städtischen Krankenhäusern an und erkundigte sich, ob er dort eingeliefert worden sei, aber nirgends war er aufgenommen worden. Die Polizei wollte sie noch nicht behelligen, schließlich war Julian erwachsen und erst ein paar Stunden verspätet.
Ich riet ihr, Ruhe zu bewahren und noch etwas abzuwarten. Ich nahm an, er habe vielleicht einen alten Bekannten getroffen und über der Wiedersehensfreude vergessen, sich zu Hause zu melden oder habe aus irgendeinem anderen Grund nichts von sich hören lassen Ich verstand ihre Beunruhigung, insbesondere nach der nervlichen Anspannung der letzten Tage, aber ich machte mir keine ernsthaften Sorgen um die Sicherheit Julians.

Heute ist mir klar, dass alle diese Gründe mich nicht davon hätten abhalten dürfen anzuerkennen, dass es Tina schlecht ging und sie Unterstützung benötigt hatte, egal, wie begründet oder unbegründet ihre Ängste in meinen Augen auch gewesen sein mochten. Ich mache mir große Vorwürfe, dass ich nicht zu ihr gefahren bin oder ihr anderweitig geholfen habe. Obwohl ich heute natürlich auch den Gedanken nicht loswerde, ob mich dann nicht ein ähnliches Schicksal ereilt hätte wie sie.
Sie versprach, mich auf dem Laufenden zu halten, als wir unser letztes Telefongespräch schließlich beendeten. Es schmerzt mich sehr, dass die letzte Erinnerung, die ich an meine alte Freundin habe, die Angst und Panik sind, die ich in ihrer zittrigen Stimme hörte, als sie sich an diesem Abend am Telefon von mir verabschiedete.

Ich wurde am nächsten Morgen früh um sechs Uhr vom Klingeln des Telefons geweckt und vermutete zuerst, es sei Tina mit Neuigkeiten zum Verbleib Julians. Aber es war Tinas Mutter, die besorgt war, da sie nichts mehr von ihrer Tochter gehört hatte. Telefonisch war Tina nicht zu erreichen und da sie ihrer Mutter erzählt hatte, dass sie mir einen Schlüssel zu ihrer Wohnung gegeben hatte, bat sie mich, nach dem Rechten zu sehen.
Ich muss hier einwerfen, dass Tinas Eltern zu dieser Zeit bei Verwandten im Norden zu Besuch waren und deshalb nicht selbst tätig werden konnten. Am Vorabend hatte es noch eine seltsame Entwicklung gegeben, von der mir ihre Mutter nun berichtete: Tina hatte festgestellt, dass Julians Schuhe an ihrem üblichen Platz im Schuhschrank standen. Sie hatte daraufhin in der Garage nachgesehen und dort stand auch das Auto, mit dem er eigentlich unterwegs sein sollte. Es entstand also der Eindruck, dass Julian entweder die Wohnung am Morgen gar nicht erst verlassen hatte oder aber nach Hause gekommen war, ohne dass Tina dies bemerkt hätte.
Ich dachte an ihre mysteriösen Blackouts, wusste aber auch nicht recht, wie ich alle seltsamen Fakten zu einem stimmigen Bild verbinden sollte. Ich erklärte mich selbstverständlich dazu bereit, in der Wohnung nach Tina zu sehen. Nachdem ich selbst noch einmal erfolglos versucht hatte, sowohl sie als auch Julian auf dem Handy zu erreichen, machte ich mich auf den Weg, nicht ohne ein ungutes Gefühl im Magen.

Ich war bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht in der neuen Wohnung der beiden gewesen, fand sie aber ohne Schwierigkeiten. Das Gebäude machte einen modernen und ordentlichen Eindruck auf mich. Auf mein Klingeln an der Wohnungstür öffnete niemand, also schloss ich schließlich selbst auf.

Trotz all meiner Bemühungen fürchte ich, dass ich die Bilder, die ich zu sehen bekam, nachdem ich die Wohnung betreten hatte, nie wieder aus meinem Gedächtnis werde tilgen können. Sie verfolgen mich bis heute in meinen Träumen.
Sofort nach dem Öffnen der Tür fiel mir ein strenger, metallischer Geruch auf. Ich vermute, ich wollte es zu diesem Zeitpunkt noch nicht wahrhaben, aber es war eindeutig der Geruch von Blut. Eine offene Tür führte von dem Flur, in dem man nach Betreten der Wohnung stand, direkt in das Wohnzimmer. Es ging dann alles sehr schnell. Ich betrat das Wohnzimmer, wo der Geruch sofort übermächtig wurde. Zuerst sah ich nichts, nur den atemberaubenden Blick aus einem Panoramafenster, das die gesamte gegenüberliegende Wand einnahm. Dann nahm ich einen Schatten zu meiner Linken wahr.

Tina lag auf dem Boden vor dem Kamin, das Gesicht von mir abgewandt, in einer großen Lache aus getrocknetem Blut. Der rechte Arm hing in einem äußerst unnatürlichen Winkel über ihren Rücken hinab und die Hand umklammerte noch den Schürhaken, der ebenfalls blutig war. Ich wagte es nicht, auch nur einen Schritt näher zu gehen. Ich hatte einen schweren Schock erlitten und das Grauen packte mich derart heftig, dass ich wohl einen lauten Schrei ausgestoßen haben muss. Ich erholte mich schließlich soweit, dass ich die Polizei informieren konnte und musste später mit Beruhigungsmitteln behandelt und von einem Psychologen betreut werden.

Die restlichen Fakten, wie die Polizei sie schließlich feststellte, sind sicherlich hinreichend aus den Nachrichten bekannt. Man fand heraus, dass Tinas Arm mehrfach gebrochen war. Ihr Kopf wies eine erhebliche Wunde auf, die von mehreren enormen Schlägen mit dem Schürhaken herrührte. Der Gerichtsmediziner kam zu dem Schluss, dass sie sich die Verletzungen unmöglich selbst zugefügt haben konnte. Die Art, wie sie den Schürhaken gehalten hatte, habe das wohl nicht zugelassen. Außerdem waren mehrere Schläge ausgeführt worden, nachdem sie bereits tot gewesen sein musste. Es sah aus, als habe jemand den Schürhaken mit äußerster Gewalt gegen sie eingesetzt, während sie ihn in der Hand gehalten hatte. Es befanden sich aber keine fremden Fingerabdrücke oder sonstigen Spuren darauf oder irgendwo sonst in der Wohnung. Die Wohnungstür war abgeschlossen gewesen, als ich gekommen war und alle Fenster waren intakt und unversehrt gewesen.

Schließlich fanden die Ermittler im Kamin die halb verbrannten Überreste eines menschlichen Körpers, den sie als den von Julian identifizierten. Sein Todeszeitpunkt fiel relativ genau mit der Zeit zusammen, zu der er üblicherweise nach Hause kam und von der Tina mir an jenem Abend noch berichtet hatte, dass sie an sie wegen eines ihrer Blackouts keine Erinnerung habe.

Dem Gerichtsmediziner zufolge starb sie selbst zwischen ein Uhr und halb zwei in der Nacht und ich gebe zu, dass mir ein eiskalter Schauer über den Rücken lief, als mir Tinas Berichte über das mysteriöse Klappern einfielen, das immer pünktlich um zehn Minuten nach eins in der Nacht begonnen hatte.

Trotz intensiver Bemühungen konnte die Polizei den Fall nicht aufklären. Aus meinen Gesprächen mit Tina war zu entnehmen, dass die nächtlichen Geräusche im Wohnzimmer und im Flur am lautesten gewesen waren. Nach meinen Hinweisen konnte die Polizei den Ort bestimmen, an dem der Blumenstrauß gestanden haben musste, der so plötzlich über Nacht verwelkt war. Es handelte sich um ein Schränkchen im Flur, exakt an der Rückseite des Kamins, der sich auf der anderen Seite der Wand im Wohnzimmer befand. Auch die Weinflasche hatte sich nahe dem Kamin befunden, als sie an einem der ersten Abende in der Wohnung so unerwartet zerschellt war.
Alle diese beunruhigenden Details wiesen auf den Kamin als Zentrum der Ereignisse hin, aber auch mit den neuen Erkenntnissen aus Tinas Tagebuch können die Ermittler keine vernünftigen Schlüsse ziehen.

Ich will nicht verschweigen, dass ich eine Zeit lang als Hauptverdächtiger galt. Schließlich war ich der einzige, der außer den Bewohnern der Wohnung noch einen Schlüssel hatte und somit die Möglichkeit gehabt hatte, das Verbrechen zu begehen. Zu meiner Entlastung trugen dann neben dem völligen Fehlen jeden Motivs schließlich die Telefonate bei, die Tina mit ihren Eltern und ihrer Freundin Klarissa geführt und in denen sie ebenfalls von den mysteriösen Ereignissen der Tage vor ihrem Tod gesprochen hatte. Das Auftauchen ihres Tagebuchs erhärtet meine Unschuld zum Glück noch weiter. Der Fall wurde als ungelöst geschlossen.

Ich weiß, dass ich auch jetzt die Umstände nicht werde vergessen können, unter denen ich meine gute Freundin Tina verloren habe. Ihre letzten Tage noch einmal mit ihren eigenen Worten beschrieben zu lesen hat mich zutiefst erschüttert. Das Schließen einiger Lücken in den Geschehnissen jener unheilvollen Tage und die Niederschrift dieses Berichts waren für mich zwar bis zu einem gewissen Grade heilsam. Ich werde jedoch sicherlich nie darüber hinwegkommen, dass Tina und Julian auf solch schreckliche Art und Weise von uns gehen mussten und dass wir wohl niemals erfahren werden, was die tatsächlichen Umstände ihres Todes waren.

Auch wenn die Polizei den Fall zu den Akten gegeben hat weiß ich, dass die damaligen Ermittler inoffiziell selbst noch immer versuchen, eine Erklärung zu finden. Soweit ich informiert bin, sind die Mieter der anderen Wohnungen im Haus in der Gartenstraße nach und nach ausgezogen und die Besitzer waren bis heute nicht in der Lage, neue Mieter zu gewinnen. Das Haus wird sich selbst überlassen und beginnt langsam zu verfallen.

Ich konnte mir vor alledem nicht vorstellen, dass ein gerade einmal zehn Jahre altes, modernes Gebäude die Menschen zum Schaudern bringen könnte. Aber wie es scheint müssen alle Schauergeschichten irgendwann einmal beginnen.
Für folgende Generationen mag das Haus an der Gartenstraße einmal ein Symbol für Grusel und Schrecken sein, über das man sich wohlig schaudernd Geschichten erzählt. Für mich ist es ein Denkmal für meine alte Freundin Tina und eine Erinnerung daran, die Menschen, die uns nahe stehen, ernst zu nehmen.
Auch wenn ihre Ängste uns unsinnig erscheinen sind sie dennoch real – und haben manchmal noch viel grauenhaftere Gründe, als wir uns vorstellen können.

ENDE


Der Beitrag hat dir gefallen?

Das freut mich! Dann lass gerne einen netten Kommentar da – oder einen Kaffee.

Verpasse keinen meiner Beiträge mehr!

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.