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Schreibschnipsel

Das Haus in der Gartenstraße 2/3

Am übernächsten Tag, Dienstag, den sechsten November, erhielt ich am frühen Nachmittag eine SMS von Tina. Der Inhalt schien mir zu diesem Zeitpunkt eine sehr sonderbare und gleichzeitig belanglose Frage zu sein und ich gebe zu, dass ich sie erst am Abend beantwortete. Ich hatte sie nach einem Meeting mit einem Klienten erhalten, das ich unbedingt direkt nachbereiten wollte. Danach vergaß ich Tinas SMS bis zum Abend.
Ich habe in aller Bescheidenheit eines recht glückliches Händchen im Umgang mit Zimmerpflanzen, was wohl der Grund dafür gewesen war, dass sie sich mit ihrer Frage an mich gewandt hatte. Sie wollte wissen, ob ein frischer Blumenstrauß schon am Tag nach dem Kauf restlos verwelkt sein konnte. Ich schrieb ihr, dass ich mir das bei einem frischen Blumenstrauß nicht erklären könne und dachte nicht mehr an ihre seltsame Frage, bis sie mich am nächsten Tag, dem Mittwoch, anrief. Diese Kontaktaufnahme wunderte mich, da wir ja erst in der darauffolgenden Woche wieder ein Gespräch führen wollten. Sie wirkte beunruhigt auf mich, was ich aus dem eher sprunghaften Gesprächsverlauf ableitete. Auch musste ich oft Dinge wiederholen, da sie offenbar mit den Gedanken anderswo gewesen war, während ich gesprochen hatte. Sie erzählte mir bei dieser Gelegenheit ausführlich von der Episode, die zu der SMS bezüglich des Blumenstraußes geführt hatte.
Sie sei am Morgen des fünften November (Montag) im Zuge ihrer Bemühungen, die Wohnung zu dekorieren, zu einem nahe gelegenen Blumenladen gegangen. Dort habe sie mehrere Blumensträuße erstanden, um sie an verschiedenen Plätzen in der Wohnung aufzustellen. Am nächsten Tag habe sie dann überrascht festgestellt, dass einer der Sträuße gänzlich verwelkt gewesen sei. Die Blütenblätter hätten um den Strauß herum verteilt auf dem Boden und dem Schränkchen gelegen, auf dem die Vase mit dem Strauß gestanden hätte. Auch sei das Wasser regelrecht braun geworden und habe übel gerochen. Am seltsamsten aber fand sie die Tatsache, dass die anderen beiden Sträuße, die sie zusammen mit dem verwelkten erstanden hatte, in bestem Zustand gewesen seien. Ich antwortete ihr erneut, dass ich mir das nicht erklären könne. Auch ein ungünstiger Standort bringt Blumen nicht über Nacht zum Verwelken. Ich sagte ihr, ich könne mir nur vorstellen, dass die entsprechende Vase stark verunreinigt gewesen sein müsste. Allerdings war das ehrlich gesagt mehr eine Schutzbehauptung gewesen.

Am Vorabend war allerdings noch etwas geschehen, das sie sehr beunruhigte. Ich bin mir darüber im Klaren, dass meine Erzählweise berufsbedingt etwas distanziert anmutet und möchte deshalb wieder Tina selbst zu Wort kommen lassen, obwohl sie mir von jenen Dingen auch selbst am Telefon erzählt hat.

6.11.2018

Oh Gott, meine Hände zittern immer noch. Schreiben beruhigt mich aber normalerweise, also versuche ich es damit. Eben wollte ich nur die Gläser zurückstellen, da habe ich es gesehen. Ich weiß nicht, wie sowas sein kann. Ich habe nur auf der Couch gesessen. Julian ist schon im Bett, er muss ja morgen wieder arbeiten. Ich habe mir einen Wein eingeschenkt und Musik angemacht. Bisschen Entspannung nach diesem Tag. Eben will ich also das Weinglas in die Küche tragen, da sehe ich, wie der Wein auf dem Tisch am Kamin sich in der Flasche bewegt! Ich bin wie erstarrt stehengeblieben. Ich hab zuerst gedacht, es kommt nur durch meine Schritte oder so und bin stehen geblieben. Aber der Wein hat nicht nur weiter rumgeschwappt, es ist auch noch immer stärker geworden! Und dann hat es von einem Moment auf den nächsten einfach aufgehört! Ich hab dann das Glas in die Küche gebracht und während ich noch in der Küche bin höre ich es laut klirren – Die Weinflasche ist einfach von dem Tischchen gefallen, wo sie einen Moment vorher noch total sicher gestanden hat! Ich zittere immer noch. Und das nach der Sache mit dem Blumenstrauß heute morgen, das hab ich ja auch noch nicht erzählt. Einer der Sträuße, die ich gestern gekauft habe, ist über Nacht komplett verwelkt! Sowas habe ich noch nicht erlebt. Ich hab Michael geschrieben, aber der hatte auch keinen Schimmer, wie das sein kann. Die anderen Sträuße waren alle noch frisch, nur der eine! Komplett welk, überall lagen Blätter und Blütenstaub. Julian hat gelacht und findet es, Zitat: ‚kurios‘. Mal sehen, wie er das mit der Weinflasche findet, wenn ich es ihm morgen erzähle. Wahrscheinlich ‚erstaunlich‘.

In den nächsten Tagen habe ich dann nichts mehr von Tina gehört. Ich fand die Zwischenfälle zwar auch ungewöhnlich, habe mir aber auch keine weiteren Gedanken darüber gemacht. Im direkten Anschluss an das Gespräch dachte ich an leichte Erdstöße, vorbeifahrende LKW oder ähnliche Gründe für die schwankende Oberfläche des Weins. Möglicherweise hatte Tina die Flasche daraufhin in die Hand genommen, ohne sich später in ihrer Aufregung daran zu erinnern, und sie so unsicher abgestellt, dass sie kurz darauf zu Boden fiel. Ich schämte mich später, als ich erfuhr, dass Julian ihre Sorgen mit ganz ähnlichen Unterstellungen abgetan hatte.

Dann dachte ich einige Tage nicht mehr an Tina. Wie bereits erwähnt war ich beruflich zu dieser Zeit stark gefordert und fand nur selten Zeit, um an andere Dinge zu denken. Es war erst am darauffolgenden Dienstag, dass sie mich wieder anrief. Sie war gerade in der Stadt unterwegs und fragte mich, ob ich nicht meine Mittagspause nutzen wolle, um mit ihr etwas zu essen. Ich war froh über diesen spontanen Vorschlag und die Möglichkeit, der Tristesse der Kanzlei für eine Stunde zu entkommen.
Wir trafen uns in einer Salatbar in der Nähe, die wir schon zu unseren Studienzeiten oft gemeinsam besucht hatten. Sie war aufgrund der Mittagszeit recht voll, aber ein geschützter Platz in einer Sitznische wurde gerade frei, als wir eintraten. Tina hatte zwar einen Salat bestellt, jedoch bemerkte ich bald, dass sie nicht viel davon aß. Sie wirkte fahrig und unruhig und war außerdem sehr blass.
Sie erzählte mir bald, dass zusätzlich zu den merkwürdigen Ereignissen, von denen bereits die Rede war, noch weitere Dinge geschehen waren, die sie zutiefst beunruhigten. Ich hatte Mühe, ihrem Bericht zu folgen, da sie sehr sprunghaft erzählte, aber offensichtlich waren zu verschiedenen Tageszeiten Dinge umgefallen, die eigentlich sicheren Stand gehabt hätten, andere Gegenstände wären gänzlich verschwunden. Eines Morgens habe sie im Kamin Asche entdeckt, obwohl sie diesen noch nie benutzt hatten. In mehreren Nächten seien die eigentümlichen klappernden Geräusche aufgetreten, die sie bereits in der ersten Nacht in der Wohnung gehört hatte.
Besonders beunruhigte Tina, dass sie immer zur gleichen Uhrzeit aufzutreten schienen, um ein Uhr zehn in der Nacht. Sie erzählte mir, dass sie herausgefunden hatte, dass sie nicht in ihrem Schlafzimmer ihren Ursprung hatten, wie sie ursprünglich vermutet hatte, sondern offenbar im Flur. Auch im Wohnzimmer seien sie deutlicher zu hören gewesen als im Schlafzimmer.

Sie beklagte sich bei mir, dass Julian sie noch immer nicht ernst nehmen würde. Das war insofern ungewöhnlich, als dass sie während der gesamten bisherigen Zeit ihrer Beziehung nie ein schlechtes Wort über ihren Partner verloren hatte. Wohl hatte es ein wenig Kritik hier und da gegeben, aber immer mit einem gutmütigen Unterton oder einem Augenzwinkern.
Die verschwundenen oder umgefallenen Gegenstände schrieb er ihrer Ungeschicklichkeit oder Vergesslichkeit zu, das Klappern dem Wind. Lediglich die Asche schien ihn auch verwundert zu haben, er sei aber letztlich der Ansicht, die Vormieter hätten sie wohl im Kamin gelassen. Tina schloss das kategorisch aus und ich glaube ihr. Was Sauberkeit anging war sie sehr gewissenhaft.
Gegen Ende unseres Treffens vertraute sie mir die Zweitschlüssel ihrer Wohnung an. Angeblich als Sicherheit und im Falle, dass ich einmal während ihres Urlaubs ihre Blumen pflegen würde, aber die Beiläufigkeit, mit der sie mir das erklärte, ließ mich vermuten, dass sie einen anderen Grund dafür hatte. Heute glaube ich, sie tat es, damit jemand in der Lage wäre, sie falls nötig aus der Wohnung zu retten. Das klingt sicher sehr dramatisch und ich bin auch erst jetzt im Nachhinein davon überzeugt, dass sie sich zum Zeitpunkt unseres Treffens vor der Wohnung fürchtete, in die sie mit Julian gezogen war. Es gehört zu den schmerzhaftesten Eingeständnissen, die ich mir machen muss, dass ich hierbei völlig versagt und ihr Vertrauen und Ihre Hoffnungen in mich gänzlich enttäuscht habe. Ich habe sie nicht gerettet.
Als wir uns an diesem Tag nach dem Essen von einander verabschiedeten, war es das letzte Mal war, dass ich Tina lebend sah.

13.11.2018

Michael glaubt mir auch nicht, ich habe es in seinen Augen gesehen. Ich würde es mir wahrscheinlich auch nicht glauben. Solche Sachen passieren einfach nicht! Mein Gott, ich bin Schriftstellerin! Ich erfinde solche Horrorgeschichten, aber ich weiß doch, dass es sowas nicht geben kann!

Ich war noch in der Stadt, nach dem Treffen mit Michael. Der hat jetzt wenigstens den Wohnungsschlüssel, falls irgendwas ist. Dabei ist mir schon viel wohler. Mein guter alter Detektiv Sørensen hat schon in bestimmt zehn Krimis die Zeitungsarchive nach Hinweisen durchsucht, aber ich hab das heute tatsächlich zum ersten Mal gemacht. Es gibt sowas wirklich und es ist genauso langweilig, wie ich es immer beschreibe. Von wegen, man kann nur von dem schreiben, was man kennt. Jedenfalls hab ich nichts gefunden, was mit unserer Wohnung oder dem Haus zusammenhängt. So lange steht das ja auch noch nicht. Ich weiß auch nicht, was ich gesucht habe. Irgendeine Begründung wahrscheinlich, wie in einer Gruselgeschichte. Ein grausamer Mord oder so, irgendeinen Grund für eine arme Seele, in unserer Wohnung zu spuken. Ach, wenn man das aufschreibt kommt es einem wieder richtig albern vor. Aber ich hab wirklich Panik. Ich hab nie an Geister geglaubt oder sowas, aber jetzt…Ich glaub, nur zur Sicherheit mache ich morgen noch das mit diesem Austreibungsritual, was mir Klarissa geraten hat. Dass ich selbst mal was von diesem Esoterik-Quatsch machen würde hätte ich auch nicht gedacht.

14.11.2018

Ich glaube, das war ein riesiger Fehler. Wir hätten das nicht tun dürfen. Ich hab das doch auch noch nie gemacht! Klarissa hat gesagt, mit den Räucherstäbchen in den Zimmerecken immer auf und ab und dann gegen den Uhrzeigersinn. Julian hat zwar mitgemacht, aber dauernd mit dummen Kommentaren und Frotzeleien über irgendwelche mordlustigen Gespenster, der Idiot. Und dann hat er mit den Räucherstäbchen rumgefuchtelt und mal im Uhrzeigersinn, mal dagegen. Wir sind nicht mal bis ins Wohnzimmer gekommen. Im Flur, da wo der Blumenstrauß war, der verwelkt ist, sind die Räucherstäbchen einfach ausgegangen. Beide! Und wir konnten sie nicht mehr anzünden. Und das Verrückteste ist: Das haben wir gegen sechs Uhr gemacht, dann haben wir gegessen und Julian ist um Viertel vor zehn ins Bett. Jetzt ist es fast elf und ich weiß ums Verrecken nicht, was ich in der Zwischenzeit gemacht hab! Ich bin vielleicht eingeschlafen, ich weiß nicht, aber ich glaub es eigentlich nicht. Ich hab ein ganz übles Gefühl. Irgendetwas ist hier. Wir hätten das nicht machen dürfen.

(Fortsetzung folgt…)


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