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Schreibschnipsel

Das Haus in der Gartenstraße 1/3

Es ist wieder einmal diese besondere Zeit im Jahr: Die Tage werden dunkler, Nebel zieht immer öfter durch die Straßen und es scheint nicht mehr ganz so abwegig, dass dunkle Mächte in der Finsternis der letzten Oktobernächte ihr Unwesen treiben.
Halloween kommt näher. Passend hierzu habe ich eine Überraschung vorbereitet: Eine schaurig-blutige Kurzgeschichte in drei Teilen. Viel Spaß damit … wenn du dich traust.


Es ist etwa ein halbes Jahr her, seit sich die Dinge zugetragen haben, von denen ich hier erstmals berichten möchte. Ich hege die Hoffnung, dadurch vielleicht die schrecklichen Geschehnisse endlich verarbeiten zu können und wieder in ein einigermaßen normales Leben zurück zu finden. Mir ist bewusst, dass mein Bericht kein gutes Licht auf mich werfen wird. Meine einzige Hoffnung ist, dass meine Leser unter Einbeziehung der Umstände nachvollziehen können, warum ich so handelte und die Sorgen meiner langjährigen Freundin, um die es hier geht, nicht ernst genug genommen habe.
Eine Vorbemerkung noch zu dem Fall selbst. Der grauenhaften Natur der Ereignisse wegen hat er natürlich auch Eingang in die üblichen Medienmeldungen jener Tage gefunden und ist dem Leser somit höchstwahrscheinlich bekannt. Soweit es die Öffentlichkeit angeht, handelte es sich um die ungewöhnlich blutrünstige Tat eines geistesgestörten Einzeltäters. Aufgrund meiner Einbeziehung in die Geschehnisse wusste ich jedoch schon damals, dass diese Darstellung mit großer Wahrscheinlichkeit unzutreffend ist. Vor einigen Wochen nun bin ich in den Besitz des Tagebuchs jener Freundin gelangt. Einige der Tatsachen, die sich aus den Eintragungen ergeben, sind auch mir neu und sie sind es auch, die mich nun dazu veranlassen, Tinas letzten Tage möglichst lückenlos zu rekonstruieren.

Ich kannte Tina schon sehr lange.Wir waren zusammen zur Schule gegangen und unsere gemeinsam verbrachte Jugend hat uns fest zusammengeschweißt. Später habe ich mich dann entschieden, ein Jurastudium zu absolvieren und bin heute als Anwalt tätig. Tina war sprachlich sehr begabt und entschied sich für ein Germanistikstudium an einer renommierten Universität in einer anderen Stadt, sodass wir keinen häufigen persönlichen Kontakt mehr hatten. Wir schrieben uns jedoch regelmäßig und telefonierten oft. So waren wir im Leben des anderen immer eine feste Größe und einander eine verlässliche Stütze. Sie arbeitete dann einige Jahre als Journalistin bei verschiedenen Zeitungen, bevor sie sich zunehmend als Kolumnistin betätigte und schriftstellerische Ambitionen zu verfolgen begann.

Während des Studiums hatte sie einen jungen Mann kennengelernt, Julian, mit dem sie bald eine Beziehung einging. Ich hatte ihn als sehr freundlichen, zuvorkommenden Menschen mit einem großen, aber gesunden Erfolgsdrang eingeschätzt. Mein Eindruck war, dass das Paar einander guttat. Die Jahre nach Ende ihres Studiums hatten sie gemeinsam in einer beengten Wohnung nahe der Universität gelebt, an der sie studiert hatten. Es war die gleiche Wohnung, in die Tina zu Beginn ihres Studiums im Rahmen einer WG gezogen war und nun hatten beide beschlossen, zusammen in eine größere Wohnung zu ziehen, die ihren Lebensstil besser repräsentierte. Das schien vor allem der Wunsch Julians zu sein, zumindest glaubte ich, das aus Tinas Äußerungen herauszuhören. Nachdem ich nun ihr Tagebuch lesen durfte, bin ich mir dessen sicher und wünsche mir seitdem, sie hätte sich in diesem Punkt durchgesetzt. Immerhin erwähnte sie mir gegenüber mehrfach, dass sie den Straßennamen mochte, der ihre neue Anschrift bilden sollte: Gartenstraße. Die neue Wohnung war sehr modern, insofern entsprach sie dem Geschmack beider Partner. Ich muss hier verdeutlichen, dass Tina keineswegs etwas gegen die Wohnung an sich gehabt hatte. Sie hätte lediglich den gesamten Umzug nicht für nötig befunden. Sie hatte eine bescheidene Persönlichkeit mit der bemerkenswerten Eigenschaft, auch aus den einfachen Dingen des Lebens einen großen Genuss zu ziehen. Ich glaube, dies verschaffte ihr mehr Befriedigung, als es der Besitz ausgefallener oder kostspieliger Dinge jemals gekonnt hätte.
Der Umzug selbst war wohl problemlos verlaufen. Ich hatte ihnen meine Hilfe dabei angeboten, muss aber gestehen, dass ich sehr erleichtert war, als sie mein Angebot dankend ausschlugen. Zu der Zeit hatte unsere Kanzlei gerade eine ganz besonders komplizierte Nachlassabwicklung zu bearbeiten, die mich sehr in Anspruch nahm. Tina hatte sich einige Zeit freinehmen können und wollte sich der Einrichtung der neuen Wohnung sorgfältig widmen.

Ich habe beschlossen, an den Stellen, an denen es mir sinnvoll erscheint, nach Möglichkeit aus dem Tagebuch Tinas zu zitieren, um sie so selbst zu Wort kommen und ihre Sicht der Dinge darlegen zu lassen. Ihre Eltern, die mich seit meiner Jugend kennen und mit denen ich ein freundschaftliches Verhältnis pflege, halten das ebenfalls für angemessen und richtig. Sie waren es auch, die mir das Tagebuch zur Verfügung gestellt haben.

Hier also Tinas eigener Tagebucheintrag, der auf den Tag ihres Einzugs datiert.

4.11.2018

Heute war es endlich soweit. Naja, eigentlich war es gestern, ich war einfach zu fertig, um noch etwas aufzuschreiben. Der Umzug war stressfreier, als ich befürchtet hatte. Julian hat ein gutes Umzugsunternehmen ausgesucht. Aber diese blöde Kuh aus unserem Haus hat uns die ganze Zeit mit ihren bösen kleinen Äuglein beobachtet. Bestimmt ist sie eine Hexe. Julian meint, wahrscheinlich hat sie gehofft, unsere Arbeiter würden irgendwas am Haus beschädigen, damit sie es auf unsere Kosten renovieren lassen kann. Sie ist auf jeden Fall eine blöde Kuh. Ich sage das nicht zu Julian, weil der mich nur wieder so genervt angucken würde, aber ich fühle mich nicht so besonders wohl mit dieser Frau unter einem Dach. Es ist dann ziemlich spät geworden. Wir haben nur noch schnell Instantnudeln aufgewärmt und Julian hat rumgeblödelt und den vornehmen Weinkellner gespielt. Wir hatten uns doch diese besondere Flasche Wein aufgehoben, die meine Eltern uns zu Weihnachten geschenkt hatten, damit wir sie am Tag unseres Einzugs trinken können. Er hat wirklich dran gedacht, hätte ich nicht erwartet.

Das Abendessen war seltsam. Überall war es dunkel, wir saßen am Tisch mit dieser funzeligen Kerze, weil wir natürlich noch keine Lampen aufgehängt hatten. Als ob man unter einer Lichtglocke sitzt, um uns herum konnte man nur schemenhaft die Umzugskartons gestapelt sehen. Julian fand es romantisch, ich fand, es war irgendwie unheimlich. Aber so ist das eben in einer neuen Umgebung.

Der Blick aus dem Fenster ist aber fantastisch. Bei Nacht hatte ich ihn ja noch nie gesehen, aber man sieht in der Ferne irgendwelche roten Lichter blinken und bei klarem Himmel hat man bestimmt einen tollen Blick auf die Sterne. Ich gucke auch jetzt wieder raus und staune. An vieles muss ich mich aber noch gewöhnen, zum Beispiel an das Schlafzimmer. In der alten Wohnung mussten wir ja keine Vorhänge vor den Fenstern haben, aber hier haben die Nachbarn ihren Balkon praktisch direkt vor unserem Schlafzimmerfenster. Das ist echt düster und bedrückend, wenn es so stockdunkel ist. Ich fühle mich da richtig eingesperrt. Dann noch dieser riesige neue Kleiderschrank, wie ein Gebirge am Fuß des Bettes. Ich hab auch nicht gut geschlafen und in der Nacht ist dann was Seltsames passiert. Ich bin irgendwann nach ein Uhr wach geworden. Irgendwas hat geklappert, gar nicht mal so laut, aber regelmäßig und irgendwie eindringlich, ich weiß nicht, wie ich das sonst beschreiben soll. Als ob irgendetwas irgendwo raus will. Julian hat natürlich geschnarcht, typisch. Ich habe ihm noch nichts davon erzählt, vielleicht mache ich das, wenn er heute Abend heimkommt.

Jetzt habe ich aber erst mal genug Zeit verschwendet, die Mittagspause ist vorbei. Das Bücherregal will eingeräumt werden!

Ich selbst hatte zu diesem Zeitpunkt noch keinen Kontakt zu Tina gehabt, seit sie umgezogen waren. Wir telefonierten an dem Tag, nachdem sie den obigen Tagebucheintrag verfasst hatte, also zwei Tage nach dem eigentlichen Umzug, am fünften November. Sie war guter Laune und benahm sich ganz so, wie ich sie kannte. Sie war ein logisch denkender Mensch, aber auch sehr emotional und gefühlsbetont im Gespräch, wenn man sie gut kannte. In diesem Gespräch war sie mir fröhlich vorgekommen. Sie berichtete mit dem ihr eigenen Humor vom Tag des Umzugs, der ihr unsympathischen Nachbarin und der surrealen Stimmung während des Abendessens, so, wie sie dies auch in ihrem Tagebucheintrag schildert. Über die Geräusche, die sie in ihrer ersten Nacht aufgeweckt hatten, sprach sie mir gegenüber nicht. Ich schließe daraus, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht sonderlich beunruhigt gewesen war. Möglicherweise wollte sie aber auch nur nicht als hysterisch empfunden werden. Ich weiß, dass ihr die Meinung anderer über sie selbst nicht so egal gewesen war, wie sie es gern gehabt hätte.

Am Sonntag, dem Tag nach dem Umzug, hatten sie und Julian ihrem Bericht nach weitere Kartons ausgepackt, Lampen aufgehängt und verschiedene weitere Arbeiten ausgeführt.
Für den Montag, also den nächsten Tag, hatte sie geplant, die Wohnung weiter einzurichten, während Julian auf der Arbeit war. Wir vereinbarten, im Lauf der nächsten Woche wieder zu telefonieren und ich wünschte ihr ein glückliches Händchen beim Dekorieren. Ich hörte aber schon deutlich früher wieder von ihr.
(Fortsetzung folgt…)


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