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Schreibschnipsel

Jugend

Von der Anhöhe aus konnte man alles gut überblicken. Hier war es warm und trocken und der Boden war weich und grün mit Gras bewachsen. Es gab Sitzgelegenheiten und Sonnenschutz, Lebensmittel und Getränke, Zerstreuung und Bequemlichkeiten aller Art – kurz: jede Annehmlichkeit, die man sich wünschen konnte.
Am Fuß der Anhöhe befand sich ein schweres Tor, durch das sie alle einmal hier herauf gekommen waren. Nach allem, was man hörte, würde es damit aber bald vorbei sein. Nun, das sollte sie nicht kümmern.

Unten waren die Kinder. Auch dort, am Fuß der sanft abfallenden Anhöhe, war der Boden mit Gras bewachsen gewesen. Warum hätte man es den Kindern auch absichtlich unbequem machen sollen? Sie sollten schließlich erst langsam an den Ernst des Lebens herangeführt werden, standen unter einem besonderen Schutz. Weiches Gras als Untergrund war da das Mindeste, was man tun konnte.
Inzwischen war es jedoch verschwunden, denn auf dem Boden stand das Wasser bereits knöcheltief. Ein wenig belämmert wateten die Kinder durch den Morast, in den sich das ehemals duftende Gras verwandelt hatte. Richtig glücklich wirkten die meisten von ihnen nicht, aber was sollte man von Kindern erwarten? Sie wussten es ja nicht besser. Da hieß es nachsichtig sein.
Um die Fußgelenke hatten die meisten von ihnen durchsichtige Ringe aus Plastik oder Plexiglas geschnallt, das waren die elektronischen Fußfesseln. Einer von ihnen hier oben auf der Anhöhe hatte eines Tages die Idee dazu gehabt und sie hatte sich als einträglich erwiesen. Die Plastikringe hatten verschiedene Farben und trugen unterschiedliche Logos, aber sie funktionierten alle gleich. Nur wenige Kinder konnten sich gegen die Fußfesseln wehren und wer es tat durfte meist nicht mehr mit den anderen Kindern spielen.

Es gab sowohl oben auf der Anhöhe als auch unten im Tal viele Türen, aber die Kinder durften durch ihre zumeist nicht hindurch gehen. Sie waren mit Zahlen gekennzeichnet und zeigten ihnen deutlich, dass ihnen vieles nicht erlaubt war, was Erwachsene durften. Erwachsene gab es auch da unten im Tal, aber die Gründe dafür waren vielfältig und kompliziert und wenn sie ehrlich waren, dann waren sie den Leuten auf der Anhöhe auch egal. Die Erwachsenen durften jedenfalls in die gesicherten Räume, die Kinder nicht.

Außer den Schulungsräumen, die allesamt trist und marode waren, gab es noch eine große Anzahl hell erleuchteter Plätze. Rund herum an ihren Rändern waren Automaten angeordnet. Manche hatten hochauflösende Displays und dienten der Unterhaltung, andere hatten Schubladen oder Klappen, aus denen man Dinge herausnehmen konnte. Allen gemeinsam waren gut sichtbare Einwurfschlitze für Münzen.
Diese Plätze voller Automaten waren die am besten gepflegten Orte unten im Tal. Oben auf der Anhöhe gab es sie auch. Von manchen der Plätze im Tal gingen dunkle, halb zugewucherte Seitenwege ab. Davor standen häufig Erwachsene und beleidigten die Kinder. Sie hatten meist Tafeln mit Slogans aufgestellt, die anprangerten, dass die Kinder der Automatennutzung verfallen waren, die sie ihrer Ansicht nach verrohte und verdarb.
Es war schwer, an diesen Erwachsenen vorbei zu kommen. Die wenigen Kinder, die sich der lauten Musik, dem Geglitzer und den schallenden Anpreisungen entziehen konnten, mit denen die Automaten im ganzen Tal beworben wurden, drängten sich an den krakeelenden Erwachsenen vorbei und gelangten auf dunkle, gefährliche Areale. Einst waren hier Abenteuerspielplätze gewesen, auf denen die Kinder zusammen und ohne dafür eine Münze zu benötigen gespielt hatten. Aber dieselben Erwachsenen, die ihnen jetzt den Weg hierher versperrten und sie gleichzeitig dafür beleidigten, dass sie ihn nicht mehr gingen, hatten die Etablierung der Automaten vorangetrieben. Und so verfielen jetzt die alten Spielgeräte. Klettergerüste faulten vor sich hin und die meisten der hölzernen Seilrutschen waren schon umgekippt, die Rutschbahn rostig.

Die Erwachsenen von der Anhöhe füllten die Automaten häufig auf, damit die Inhalte nie ausgingen. Und jedes Mal, wenn ein Kind eine Münze in einen der Schlitze warf und etwas dafür bekam, stieg das Wasser im Tal ein winziges bisschen.
Neu war die Feuersbrunst, die sich dem Tal von einer Seite her näherte. Als sie erstmals aufgetaucht war, hatten sich die Leute auf der Anhöhe Sorgen gemacht, aber inzwischen waren sie daran gewöhnt, dass sie immer ein bisschen näher kam, wenn eine Münze in einen Schlitz geworfen wurde. Und schließlich: Hier oben konnte ihnen ja nichts passieren.
Manchmal stieg einer von Ihnen hinab, um etwas zu warten oder ein neues Gerät einzurichten. Kameras wurden in letzter Zeit häufig installiert, zur Sicherheit der Kinder. Besonders viele bauten die Leute von der Anhöhe in der Nähe des großen Tores auf. Bald würde es keine weiteren Neuankömmlinge mehr geben, die hinauf zu ihnen ziehen konnten. Die Umstände hatten sich geändert.

Aber was war es doch für ein Segen, dachten die Leute von der Anhöhe jedes Mal, wenn sie nach einer erledigten Aufgabe wieder aus dem Morast nach oben stiegen – was war es doch für ein Segen und ein Privileg, heutzutage jung zu sein! Und sie lächelten milde, stiegen den saftig grünen Hang hinauf und priesen die Jugend, während hinter ihnen das stählerne Tor schwer und dröhnend ins Schloss fiel.

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