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Schreibschnipsel

Der Bestatter

Was macht man eigentlich, wenn man nicht weiß, was man schreiben soll? Die Antwort ist natürlich: Trotzdem schreiben.

Was macht man eigentlich, wenn man nicht weiß, was man schreiben soll? Die Antwort ist natürlich: Trotzdem schreiben. Wie bei jedem anderen Handwerk sind auch beim Schreiben Übung und Training das A und O. Also schreibe ich auch (und insbesondere!) dann, wenn ich gar nicht so genau weiß, was ich schreiben soll. Manchmal helfen verschieden Aufgabenstellungen dabei. Kostprobe gefällig? Gerne. Bei dem folgenden Text habe ich einfach den ersten und den letzten Satz des erstbesten Zeitschriftenartikels genommen, den ich in die Finger bekommen habe, und mir eine Geschichte für die Zeilen dazwischen ausgedacht. Wenn vor allem der Schlussatz etwas seltsam klingt, liegt das daran, dass ich leider eine Architekturzeitschrift erwischt habe…


Für die Bewohner dieses Hauses war es wichtig ihr Leben mit der Natur in Einklang zu bringen. Das sah Mike sofort, als er sich dem Anwesen näherte, in dem seine nächsten Kunden wohnten. Die verwendeten Materialien, der fließende Übergang von der Terrasse in den Garten – da war ein Meister am Werk gewesen. Mit einem kleinen Seufzer verscheuchte er seine Gedanken, zog den Riemen seiner Umhängetasche höher auf die Schulter und klingelte.
„Guten Tag, Mike Herber mein Name. Wir haben telefonisch einen Beratungstermin vereinbart“. Seine Standardbegrüßung servierte er zusammen mit einem bewähren Lächeln mittlerer Intensität. Die große Frau mit der silbernen Frisur, die in der Tür stand, nickte knapp, aber nicht unfreundlich.
„Natürlich, kommen Sie doch bitte herein.“ Sie trat beiseite und gab die Sicht in einen Eingangsbereich frei, der Mikes Atem stocken ließ. Der Blick wurde sofort nach oben gelenkt, wo ein beeindruckender Luftraum das Gefühl vermittelte, in einen Innenhof zu treten. Gleichzeitig erzeugten ein dunkler Dielenboden und raue Betonwände äußerst reizvolle Kontraste.
„Oh, das ist aber ein beeindruckender Auftakt!“ Mike konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen. Glücklicherweise schien es der Hausherrin nichts auszumachen.
„Gefällt es Ihnen? Das freut mich.“
Mike nickte, den Kopf noch immer im Nacken. „Sehr sogar.“
Die Frau geleitete Mike in ein großzügiges Wohnzimmer. Durch einen Höhenversprung war es geschickt in zwei Bereiche aufgeteilt. Vom Sofa im unteren Teil aus, auf dem sie jetzt Platz nahmen, hatte man einen Panoramablick hinaus in den Garten.
Mike öffnete seine Tasche und begann, verschiedene Unterlagen auf dem Wohnzimmertisch auszubreiten. „Führen wir das Gespräch alleine oder wird Ihr Mann noch zu uns stoßen?“, fragte er beiläufig.
Die Frau schüttelte ernst den Kopf. „Nein, er kennt meine Wünsche. Ihm war es lieber, bei der Ausarbeitung der ‚schmutzigen Details‘, wie er es nennt, nicht zu Hause zu sein.“ Sie lächelte ein kleines, ironisches Lächeln.
Mike nickte verständnisvoll. „Natürlich, das Thema ist ja auch nicht angenehm. Vielleicht beginnen wir einfach mit der Art der Bestattung. Haben Sie schon darüber nachgedacht, ob sie eine klassische Erdbestattung wünschen oder vielleicht lieber einen Platz in einem Bestattungswald? Ich habe den Eindruck, dass die Natur Ihnen viel bedeutet.“ Er machte eine Geste in Richtung des Gartens außerhalb des Wohnzimmers.
Die Frau setzte sich sehr gerade hin, ließ aber sonst in keiner Weise erkennen, dass er gerade ein unangenehmes Thema angeschnitten hatte. „Ich habe ausgiebig über diesen Punkt nachgedacht. Sie haben Recht, die Natur ist meinem Mann und mir tatsächlich sehr wichtig, aber mir ist der Gedanke zuwider, zu verrotten. Sich aufzulösen in schleimige Einzelteile, undefinierbare Bröckchen und Fetzen – Nein. Ich möchte verbrannt werden.“

Mike musste sich bemühen, einen professionellen Gesichtsausdruck beizubehalten und das Lächeln zu verhindern, das seine Gesichtsmuskulatur schon zu bilden in Begriff war. „Das verstehe ich natürlich. Es gibt viele Menschen, denen diese Vorstellung nicht behagt.“ Allerdings hatte sie bisher niemand ihm gegenüber so anschaulich und unsentimental beschrieben. Die Frau war ihm sympathisch und Mike begann beinahe, den Anlass seines Besuchs zu bedauern. Aber manche Dinge standen nicht zur Diskussion. Immerhin würde er ihre Wünsche erfüllen können. Sie sprachen über die nötigen Details und während er routiniert Optionen vorschlug und Entscheidungen notierte, schweiften seine Gedanken schon ab zu der Frage, wie er seine eigentliche Aufgabe heute am besten erledigen sollte. Schließlich ging es dann aber fast von selbst.
„Ich habe Ihnen ja gar nichts angeboten. Trinken Sie einen Tee mit mir?“ Sie stand schon auf, während sie noch die Frage stellte.
„Gern, aber nur, wenn ich Ihnen helfen kann.“
Auf dem Weg in die Küche durchquerten sie wieder die Eingangshalle. Dreieckige Oberlichter ließen helles Sonnenlicht drei Stockwerke tief einen Treppenaufgang herabfluten.
„Sie mögen Architektur, nicht wahr?“, fragte sie über die Schulter. „Unser Architekt hatte für jedes Detail eine schillernde Beschreibung. ‚Das Licht von oben macht den Aufenthalt auf der Treppe interessant, gleichzeitig wird dadurch Transparenz zwischen beiden Stockwerken erzeugt‘ – irgend so etwas. Ich hätte es auch ohne das Geschwafel gekauft.“

Mike lächelte selig, als er sich beeilte, zu seiner Kundin aufzuschließen. Für ihn bedeutete das Licht von oben mehr als nur Transparenz – es war ein Zeichen. Die Situation war eindeutig für ihn geschaffen worden und die himmlischen Lichtsäulen forderten ihn zum Handeln auf. Mike zögerte nicht. Er erreichte die Frau just in dem Moment, als sie an der Treppe vorüberging. Mehr als ein Schubs war nicht nötig, fast behutsam drückte er gegen ihre Schulter. Sie schrie nicht einmal, so überrascht war sie von dem plötzlichen Verlust der Balance.
Die Treppe hinunter in den Keller bestand aus Beton. Es war also etwas Anderes, das Mike laut knacken hörte, bevor sich eine herrliche Stille über das sonnendurchflutete Atrium senkte.
Schön war es, das Haus. Wunderschön, aber es gehörte nicht ihm. Es durfte aber niemandem sonst gehören, so wie auch all die anderen Häuser, die er schon besucht hatte. Ein paar Minuten stand er nur da und genoss sanft lächelnd das befreiende Gefühl. Er hatte wieder ein gutes Werk vollbracht – fast jedenfalls.
Immer noch lächelnd ging er ins Wohnzimmer zurück, um den Brandbeschleuniger aus seiner Tasche zu holen. Bei dem vielen Holz in diesem Haus würde es leicht sein. Eine Feuerbestattung. Amüsiert schüttelte er den Kopf, während er die vertrauten Handgriffe erledigte. Architekten und ihr Geschwafel. ‚Das Licht von oben macht den Aufenthalt auf der Treppe interessant, gleichzeitig wird dadurch Transparenz zwischen den beiden Stockwerken erzeugt.‘

Trainingseinheit

Der Bestatter


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