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Japan Reiseberichte

Japan mit Fink und Sittich – Tag 1, Teil 1 (Leseprobe)

An dem wir uns auf den Weg
in eine fremde Welt machen.

Das Flugzeug macht noch eine grazile Vierteldrehung auf der Stelle, einer Balletttänzerin bei einer Pirouette gleich. Es hält kurz inne, wie um tief Luft zu holen, trifft dann eine Entscheidung und setzt dröhnend zum Start an.
Die Leute sagen ja immer, sie glauben nicht, dass so ein großer Haufen Metall, wie es eine Boeing 747 zweifelsfrei ist, überhaupt fliegen kann. Ich glaube das schon. Was ich nicht glauben kann, ist, dass sie dabei so erbärmlich klappern und scheppern muss. Aber in die Luft gekommen ist sie, und wir mit ihr.

Wir, das sind der treue Herr Sittich, mein edler Begleiter, und ich, wieder einmal auf Reisen vereint. Die Vorgeschichte, die dazu geführt hat, dass wir uns heute in zunächst ganz bequem scheinende Flugzeugsitze begeben haben, ist etwas bewegt. Zu Anfang steht wie üblich die Entscheidung für ein bestimmtes Reiseziel. Dieses Mal wollen wir weit weg, Kanada steht schnell als Ziel fest, aber Kanada – der geneigte Leser hat vielleicht schon davon gehört – ist ein großes Land und erstreckt sich von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Als Kind des Meeres will ich an die Westküste. Vancouver, Wald, Pazifische Fjorde. Herr Sittich nicht. Herr Sittich will nach Osten; Montreal, Holzfäller, Bären. Die Fronten verhärten sich und Kanada stirbt, für uns jedenfalls.
Dann halt was ganz anderes, sage ich, wie wär‘s mit Japan. Ganz ernst meine ich das nicht, eher will ich, psychologisch hoch geschickt, ein Umdenken zu meinen Gunsten erreichen. Aber irgendwie verfangen wir uns in dieser Idee, verstricken uns immer mehr in Planungen und sitzen schließlich mit gebuchten Flügen fest im Netz.

Dieser Urlaub macht etwas mehr Vorausplanung nötig, als sonst bei uns üblich. Ohne schon zu viel zu verraten: Wir wollen uns Tokyo ansehen, südlich nach Kyoto und Hiroshima fahren und unterwegs noch dies und das besuchen.
Gerade haben wir alle Reservierungen beisammen und fühlen uns nicht mehr ganz so zittrig beim Gedanken an die fremde Welt, in die wir uns begeben wollen, da beginnt Japan damit, sich von Überschwemmungen heimsuchen zu lassen. Die Wochen vor Abflug sind voller Befürchtungen, aber am Ende beruhigt sich die Lage zumindest so weit, dass wir beschließen, es darauf ankommen zu lassen.

Unsere Reise beginnt ganz unspektakulär mit dem Stadtbus. Wir wollen in Japan viel mit dem Zug reisen und haben uns deshalb entschieden, jeder nur einen großen Backpacker-Rucksack als Gepäck mitzunehmen. Die lassen sich auch in deutschen Bussen und Bahnen gut handhaben und wir kommen stressarm zum Flughafen. Dort suchen wir einen dieser Stände, an denen Gepäck in Folie verpackt wird. Wegen der vielen Griffe, Schnüre und Träger an unseren Rucksäcken haben wir Sorge, dass sie auf ihrer Reise durch die Gepäcksortiermaschinen dieser Welt sonst auf der Strecke bleiben. Die Verpackungsspezialisten sind ihr Geld wert, unsere Rucksäcke verschwinden in mehr Plastikfolie, als ich je auf einem Fleck gesehen habe. Abgesehen von ökologischen Schuldgefühlen keimt in mir die Frage auf, wie wir das Zeug jemals wieder abkriegen sollen, aber ich schiebe sie in einen tieferen Bereich meines Bewusstseins und freue mich einfach, dass wir diese Hürde genommen haben.
Beim Check-in ist noch nicht viel los und bald laufen wir ungewohnt leicht weil von unserem Gepäck befreit durch den Flughafen. Es ist noch viel Zeit, wir essen in einem italienischen Restaurant mit Blick auf das Rollfeld und tauschen Vorfreude und Hoffnungen aus.

Und nun sind wir in der Luft. Ziemlich lange. Ich habe mir das ja im Vornherein schon nicht ganz angenehm vorgestellt, aber es ist wirklich eine Tortur. Das Essen, das man vorgesetzt bekommt, ist nicht schlecht. Das ist aber auch das Beste, was man darüber sagen kann. Jeder, der schon einmal in einer dröhnenden Röhre sein Essen von einem Klapptisch gegessen hat, der so ungünstig angebracht ist, dass man in Arm- und Handhaltung einer Gottesanbeterin gleicht, ständig von der Angst geplagt, entweder seinem Sitznachbarn mit dem Ellenbogen ins Mahl zu matschen oder sein eigenes Essen auf den Boden zu werfen, der weiß: Mit entspannter Nahrungsaufnahme hat das nichts zu tun.
Dafür gibt es in der bordeigenen Mediathek viele Filme. Da die Sitze mit jeder Minute unbequemer werden, probiere ich zwecks Ablenkung einige davon aus. Leider werde ich auch immer müder, schlafen kann ich in Flugzeugen nie, niemand kann das, und durch die Müdigkeit bekomme ich von den Filmen auch nicht viel mit.

Habe ich erwähnt, dass der Flug elf Stunden dauert? Der Flug dauert elf Stunden, und wer sich mit diesen Phänomenen ein bisschen auskennt, der weiß, dass unangenehme Zeitspannen zu ihrem Ende hin immer langsamer zu vergehen pflegen als zu Beginn – aber schließlich landen wir doch auf dem Flughafen Tokyo-Haneda.

Die aufgehende Sonne


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