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Lissabon Reiseberichte

Kurztrip nach Lissabon – Tag 1

An dem uns eine unbequeme Reise an einen schönen Ort führt und wir ziemlich viel sehen.

Herr Sittich wünscht ein Event zu besuchen. Ich bin nicht so begeistert, aber das Event findet in Lissabon statt. Das macht mir eine Absage schon schwerer, denn dort war noch keiner von uns und Gelegenheiten zum Reisen sind wie Feste – man muss sie begehen, wie sie fallen. Ich knicke also ein und wir planen ein langes Wochenende in Portugal.

Am Morgen unseres Abflugs sind wir zeitig am Flughafen, aber das hilft uns nicht. Mit unserer Buchung ist etwas schief gegangen. Man hat uns zwar die Sitzplatzreservierung berechnet, aber keine Sitzplätze reserviert. Beziehungsweise, erfahren wir häppchenweise, schon irgendwie, aber wir müssen sie nochmal bezahlen. Im IT-Dickicht eines Code-Share-Prozesses ist zwar unsere Reservierung zur ausführenden Airline durchgedrungen, nicht jedoch die Bestätigung der erfolgten Zahlung. Wir weigern uns und werden zur Strafe an verschiedenen Enden des Flugzeugs platziert.
Die Stimmung ist ungünstig für den Beginn einer Urlaubsreise, aber ich hoffe auf Besserung. Zumindest für die Dauer des Fluges tritt die aber nicht ein. Ich sitze am Gang und die Bestuhlung ist derartig eng, dass ich während des ganzen Fluges mit schmerzhaft verdrehten Beinen dasitzen muss. Bis zu diesem Erlebnis dachte ich, die engste Bestuhlung müsse man in Flugzeugen einer irischen Billigairline ertragen (sofern man dort einen Flug bucht, ist man aber irgendwie selbst dran schuld). Die größte Fluglinie Portugals belehrt mich aber eines Besseren. Wenigstens habe ich so die Möglichkeit, meine frisch erworbenen Kenntnisse in Meditation und Gelassenheit in einem Krisenfall zu erproben. Sie funktionieren besser, als erwartet.

Am Zielflughafen suchen wir uns den Weg zur U-Bahn und fahren zu unserem Hotel. Dazu müssen wir auf der letzten Etappe einen ziemlich breiten und steilen Hang erklimmen, der von Wegen gesäumt wird und in der Mitte eine Rasenfläche besitzt.
Das Hotel ist nichts Besonderes, weder im positiven noch im negativen Sinne und nach ein wenig Erholung entschließen wir uns zu einem Gang durch die Stadt. Unsere wiedergewonnene Beinfreiheit wollen damit feiern, dass wir den Weg dorthin zu Fuß zurücklegen. Wie sich bald zeigt, haben wir die Entfernung zum Stadtzentrum aber ordentlich unterschätzt. Wenigstens bekommen wir so einen Blick auf das alltägliche Lissabon der Einwohner, abseits der Touristenströme. Man bemerkt deutliche Verbesserungen an der Bausubstanz, sobald man sich den touristischen Bezirken nähert. Die Armut scheint plötzlich wegretuschiert und weicht dem, was in den Werbespots meist mit authentischer Atmosphäre beworben wird.
Nichtsdestotrotz gefällt uns die Stadt sehr gut. Wir besuchen bekannte Plätze und bewundern das berühmte gemusterte Pflaster, über das wir gehen.

Gegen Mittag suchen wir uns einen Platz in einem Straßenrestaurant. Es ist Frühling und schon recht warm für die Tageszeit, aber hier im Schatten frösteln wir noch etwas. Gut, dass wir ein richtiges Mittagsmenü serviert bekommen, zu dem auch eine Suppe als Vorspeise gehört. Wir haben mit Touristenpreisen und den üblichen kargen Portionen gerechnet, aber das Menü ist bodenständig und reichhaltig. An den Nebentischen sitzen Einheimische und wir lauschen der melodischen Sprache, während wir eine Straße weiter die berühmte gelbe Straßenbahn vorbeifahren sehen. Auf einem Stromkasten am anderen Ende der Straße sitzt ein klapperdürrer Junkie in einer schmutzigen Hose.

Bekannte Attraktion voller Menschen, von uns gemieden: Die Straßenbahn in Lissabon

Nach dem Essen steigen wir hinauf zum Castelo de São Jorge. Vor vielen der malerischen Häuser, an denen wir vorbeikommen, hängen Käfige mit Vögeln aller Art und die Luft vibriert vor Gezwitscher. Von oben hat man einen fantastischen Blick auf die Stadt und den Fluss Tejo. Das Wetter entschädigt uns für die Unannehmlichkeiten des Vormittags auf eine Weise, wie es die Fluggesellschaften selbst nie hätten tun können (und es auch nie versucht haben; Anmerkung eines noch immer grummeligen Herrn Sittich).
Der Himmel leuchtet intensiv blau und die Dächer strahlen in rot zurück, als wollten sie sich dafür bedanken. Nachdem wir uns fürs erste sattgesehen haben, besichtigen wir die Burganlage. Man kann auch auf der Burgmauer spazieren gehen und irgendwoher, vermutlich aus dem Kerker, dringen klägliche Schreie. Beim Verlassen des Burghofes kreuzt plötzlich ein Pfau unseren Weg – es gibt also wohl doch keine Foltervorführungen im Kerker.

Wieder an der Vorderseite der Burg angelangt, kaufen wir uns an einem Stand namens Wine With A View zwei Gläser Wein, weil wir finden, dass der Name belohnt gehört. Es ist das erste Mal in unserem Leben, dass wir Wein aus Plastikgefäßen trinken. Zu unserer Verteidigung: Sie sind zumindest wie Weingläser geformt und werden wiederverwendet.
Den dazugehörenden Blick genießen wir natürlich auch noch einmal und sind im Angesicht der sinkenden Sonne jetzt doch ganz zufrieden mit dem Verlauf unseres ersten Urlaubstages.

Ein Tag mit Aussicht


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