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Schreibschnipsel

Gedanken am Rand der Unendlichkeit

Wie das manchmal so ist: Da will man etwas schreiben und plötzlich meldet sich eine Figur aus einer unvollendeten Geschichte zurück. Wenn sie einmal in der Welt sind, muss man seinen Charakteren auch zuhören, da hilft nichts. Auch, wenn sie einen von der Arbeit abhalten.


„Paul! Ist alles in Ordnung?“
Eine Hand berührte ihn vorsichtig an der Schulter. Paul blinzelte und betrachtete die Sterne, die am dunklen Himmel aufgegangen waren und das Meer mit ihrem silbrigen Licht sprenkelten. Die Luft war frisch, aber nicht kalt und Paul atmete tief durch. Er war sich selbst nicht so ganz sicher, ob alles mit ihm in Ordnung war. Er fühlte sich nicht schlecht, war aber von einem seltsam sehnsüchtigen, melancholischen Gefühl erfüllt.
„Ich fühle mich so leer“, sagte er schließlich leise. „Nicht schlecht-depressiv leer, sondern eben einfach leer“, fügte er hinzu und hatte trotzdem das Gefühl, seinen Gemütszustand nur unzreichend beschrieben zu haben.
„Immer, wenn ich eine Zeitlang in den Nachthimmel gucke oder auf das Meer oder in die Wolken, dann frage ich mich irgendwann, was ich hier eigentlich mache.“ Er schwieg einen Moment. „Ich meine: Was habe ich schon Bedeutendes erreicht? Ich habe eine Ausbildung. Toll. Ich bin gereist und habe viel gesehen. Aber was hat das geändert? Wem hat irgendetwas, das ich bisher getan habe, auch nur das Geringste genutzt? Ich selbst sitze jetzt hier, ohne Ideen für mein Leben, ohne Zukunft. Also, was soll das alles?“ Paul machte eine Geste, die das ganze Universum mit einzuschließen schien. Eine zeitlang herrschte Ruhe.

„Also weißt du“, kam schließlich die Antwort, „Wenn das dein Vergleichsmaßstab ist – die Sterne, das Meer, das Schicksal der Menschheit und das Universum – dann wüsste ich nicht, was irgendein Mensch jemals tun könnte, um vor diesem Hintergrund etwas zu erreichen, das man als bedeutend bezeichnen könnte. Selbst die einflussreichsten Menschen … Staatsoberhäupter, Wissenschaftler, Einstein, Beethoven, Wittgenstein … was haben die denn vor dem Hintergrund der Unendlichkeit des Universums geschafft? Den Lauf der Wolken konnten sie nicht ändern und von den Sternen wird nie auch nur ein einziger bemerken, dass je ein Mensch gelebt hat.“
Paul verschränkte die Arme vor dem Körper, ihn fröstelte ein wenig in der kühlen Nachtluft. An diesen Gedanken war natürlich etwas dran, aber…
„Warum habe ich dann trotzdem diese Sehnsucht nach etwas, wenn ich es nicht erreichen kann?“
„Ich schätze, du weißt einfach nicht, was genau dir wichtig ist. Was du erreichen möchtest.“
Die Antwort verstand Paul nicht. „Wie meinst du das?“
„Naja, du sprichst von Erfolg oder abstrakten Zielen wie ‚Etwas‘ zu erreichen. Aber was willst du denn genau? Einfach nur irgendetwas tun, das man im Allgemeinen als bedeutsam ansieht? Manager oder Arzt sein und einen Haufen Geld verdienen? Ist das etwas, das dir für dein Leben wichtig ist? Auf dem Sterbebett zu liegen und zu denken: ‚Gleich ist’s vorbei, aber ich bin glücklich, denn ich hatte immer einen tollen Job?'“
Paul schwieg. Er wusste nicht recht, was er denken sollte.
„Das ist wie das mit dem Universum. Deine Maßstäbe und Ziele passen nicht zu dir. Du bist nicht Gott, tut mir leid, dass du es von mir erfahren musst. Aber deswegen taugt das Universum nicht für dich als Blaupause.“
Paul musste lachen.
„Und genauso wenig musst dich daran messen, ob du irgendeine Gesellschaftsnorm erfüllst oder nicht. Deine Sehnsucht ist der Wunsch danach, deine echten Ziele zu finden und zu verfolgen.“
Paul blickte wieder in den Himmel. Er wusste zwar noch immer nicht, was er wollte, aber immerhin fühlte er sich für den Moment nicht mehr ganz so leer. Er sah nach oben in den Nachthimmel und die Sterne schienen ihm zuzuzwinkern.

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