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Irland Reiseberichte

Irland mit Fink und Sittich – Tag 1 (Leseprobe)

An dem wir die Freuden
der Seefahrt genießen.

Stadtluft macht müde, uns zumindest hat sie müde gemacht. Nach vielen Städtetrips in den letzten Jahren ist es für uns jetzt Zeit für eine Veränderung und so entscheiden wir uns für Irland, als es an die Planung unseres Osterurlaubs geht. Nicht, dass es dort keine Städte gäbe, so etwas würde ich nie behaupten. Uns reizt vor allem die schöne Natur und ich hoffe, Herrn Sittich zu ein paar Wanderungen überreden zu können. Herr Sittich, das ist übrigens mein Begleiter, nur falls sich jemand wundert.

Wir buchen also eine Ferienwohnung im Nirgendwo, genauer gesagt: In einem Nirgendwo, das nahe bei einem Ort namens Dunmanway gelegen ist. Auf dem Luftbild sieht die Gegend wirklich besonders ruhig aus, ich kann nicht einmal einen Wanderweg ausmachen. Herr Sittich frohlockt; er wandert nicht gern. Ich sage ihm, er solle sich nicht zu früh freuen.
Wir wollen unsere Unterkunft als Ausgangspunkt für verschiedene Tagesausflüge mit dem Auto nutzen. Fliegen wollen wir sowieso ungern, vor allem auf so kurzen Strecken. In Irland ein Auto zu mieten ist auch nicht billig, außerdem schrecke ich davor zurück, neben dem Gegenverkehr auch noch das Lenkrad und die Schaltung auf der falschen Seite zu haben. Wir entscheiden uns deshalb für die Anreise per Fähre und wollen mit dem eigenen Auto fahren.
Wie bei unseren Reiseplanungen nicht ungewöhnlich buchen wir Unterkunft und Fähre und lassen die weiteren Planungen dann erst einmal auf sich beruhen. Einige Wochen vor Abfahrt wird uns deutlich, wie weit Cherbourg, wo die Fähre abfahren soll, dann doch entfernt ist. Da müssen wir noch eine Übernachtung einplanen, sage ich. Geht nicht, meint Herr Sittich, die Zeit hätten wir nicht und außerdem müssten wir am Tag vor der Fährfahrt noch arbeiten. Papperlapapp, sage ich, aber es hilft nichts, er hat Recht.

So zieht der Abfahrtstag herauf, und das ist durchaus buchstäblich gemeint. Es ist kurz nach Mitternacht, als ein Käuzchen schreit und wir Körbe mit Verpflegung für die Reise und unsere Koffer durch das stille Treppenhaus hinab ins Auto schleppen. Herr Sittich setzt sich ans Steuer, ich hänge in den Gurten auf dem Beifahrersitz. Eine Erkältung hat mich in ihren Fängen und der fehlende Schlaf tut sein Übriges. Ich nehme die Fahrt größtenteils durch einen Nebel aus Müdigkeit, dumpfen Schmerzen und Selbstmitleid wahr, als Aneinanderreihung zusammenhangsloser, alptraumhafter Episoden, zerschnitten von gnädigen Phasen des Schlafs. Herr Sittich ist tapfer und ausgeruht, nur so ist es zu erklären, dass wir schon gegen Mittag unser Ziel erreichen. Die Fähre soll um 17:00 Uhr ablegen, wir haben also glücklicherweise noch Gelegenheit zu einem Besuch des Fährterminals im Hafen von Cherbourg. Ausgiebig Gelegenheit. Insbesondere begutachten wir die Toiletten, das restliche Gebäude findet nicht so unser Interesse und verdient es auch nicht wirklich. Bald sitzen wir wieder im Auto und reihen uns in die Schlange derer ein, die auf die Fähre möchten. Ich versuche noch etwas zu schlafen, aber die Sonne knallt auf das Autodach und macht erholsamen Schlummer unmöglich. Vier Stunden später sind wir körperlich und geistig mürbe, dürfen aber wenigstens ein paar hundert Meter näher an die Fähre heran rollen. Die ragt vor uns auf wie ein weißes Gebirge, auf dem ein paar sehr, sehr große Kleeblätter wachsen und während wir endlich in den Bauch des Schiffes rollen, muss ich zum ersten Mal auf dieser Reise an die Titanic denken.

Das für uns zuständige Treppenhaus hat die Farbe Magenta. Das versuche ich im Kopf zu behalten, während wir inmitten aller anderen Auswanderer langsam nach oben geschoben werden wie von einer Herde ungeduldiger Schafe. Wir passieren mehrere identisch aussehende Gänge und finden dann doch verblüffend schnell unsere Kabine. Die überrascht uns positiv; sie ist nicht so winzig, wie befürchtet, neu und sauber. Herr Sittich will zum Ablegen an Deck, ich will nur, dass die Schmerzen aufhören. Innerhalb von Minuten bin ich eingeschlafen, aber nicht für lange.
Jemand schreit plötzlich, spricht laut in der dunklen Sprache von Mordor, die ich hier nicht wiedergeben möchte. Okay, es ist wohl irisch und kommt aus dem Lautsprecher an der Decke. Ich wache im Dunkeln auf, bin allein. Langsam fällt mir zumindest wieder ein, wo ich bin. Die Schmerzen sind weniger geworden, dafür bin ich jetzt völlig benommen und der Boden scheint sich zu bewegen. Aber nicht mit mir, denke ich, so etwas machen Böden nicht. Ich ignoriere das Schaukeln und verlasse die Kabine mit der vagen Absicht, Herrn Sittich an Deck zu finden. Aber an welchem Deck? Dieses Schiff hat mindestens drei Außenbereiche und sie befinden sich offenbar an dessen entgegengesetzten Enden. Aufs Geratewohl taumele ich durch das Schiff, Menschen sehen mir irritiert nach. Sicher nur, weil ich mich weigere, auf das Schaukeln hereinzufallen und weil ich zugegebenermaßen meine Augen immer noch nicht ganz aufbekomme. Ich finde eine Tür nach draußen, aber da ist nur Kälte und kein Herr Sittich und ich gehe schnell wieder nach drinnen, in die Kabine zurück.
Das Einschlafen klappt wenigstens wieder problemlos, später kommt dann auch Herr Sittich zurück. Nachts wache ich auf, irgendwie bewegt sich immer noch alles, aber nicht mit mir, denke ich wieder und sinke selig zurück in den Schlaf, inmitten der schwankenden, leicht vibrierenden Dunkelheit.

Stürmische See


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