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Adventskalender

Adventskalender 2020 – 1. Dezember

Es war am Weihnachtstag, als die Sonne schon langsam zu sinken begann. Morgens war es bitterkalt gewesen und Raureif hatte die Äste überzogen und die Wiesen in knisternde Felder voller eisiger Dornen verwandelt. Sogar die Luft schien gefroren zu sein. Trüb und weiß hatte dicker Nebel über der Welt gehangen und das Fliegen erschwert. Jetzt aber war die Luft klar und die tiefstehende Sonne vergoldete die Zweige der alten Kastanie, in der fast reglos ein kleiner Vogel saß – vielleicht ein Spatz oder eine Meise. Er sah sich aufmerksam um, prüfte vielleicht die Luft und sammelte all die Informationen über seine Umwelt, die den Menschen meist verborgen blieben.
Unter ihm verlief der Begonienweg, eine kleine Straße in einem Wohngebiet, die heute ruhiger als üblich dalag. Der kleine Vogel in der Kastanie wusste nichts von dem Fest, das die Menschen heute begingen und wenn er es gewusst hätte, wäre es ihm egal gewesen. Er hatte sich um Nahrung zu kümmern und wegen des schlechten Wetters war heute morgen keine große Beute möglich gewesen. Wie auf ein unsichtbares Zeichen hin hielt er plötzlich den Schnabel in den Wind und vertraute sich der kalten Winterluft an.


In ihrer Küche stand Frau Wegener gerade an der Spüle und füllte einen Topf mit Wasser, als sie draußen im Garten einen Vogel in dem kleinen Vogelhaus landen sah, das sie im Winter immer aufstellte. Sie konnte nicht erkennen, was es für ein Vogel war, dazu waren ihre Augen schon lange nicht mehr gut genug.

„Nadine! Schau nur, da besucht uns wieder ein Vogel“, rief sie ihrer Tochter zu, die im Wohnzimmer mit den beiden Enkelkindern den Weihnachtsbaum schmückte.

„Was sagst du, Mama?“, fragte Nadine, die zu ihrer Mutter in die Küche trat.

„Schau, da ist wieder ein Vogel im Garten.“ Frau Wegener sah ihm zärtlich dabei zu, wie er immer ein Korn aufpickte und es geschickt von der Schale befreite, bevor er fraß.

„Oh ja, du hast recht. Vielleicht eine Meise? Ich kenne mich da nicht so gut aus.“
Frau Wegener setzte das Wasser auf, in dem sie gleich die Würstchen für das Abendessen aufwärmen würde. Aus dem Wohnzimmer war über der leisen Weihnachtsmusik munteres Geschrei zu hören.

„Die Jungs bewerfen den Baum mit so viel Zeug, dass er uns wahrscheinlich während der Bescherung unter sich begräbt“, meinte Nadine trocken und ging zurück ins Wohnzimmer.
Frau Wegener ließ die Würstchen in den Topf gleiten und lächelte zufrieden. Was hatte sie doch für ein Glück. Es war Weihnachten, sie war gesund und sobald ihr Schwiegersohn mit den letzten Geschenken zurück kam, würde sie mit ihrer Familie gemeinsam feiern. Sie hob den Blick, um nach dem Vogel zu sehen, aber der war wohl schon zur nächsten Station auf seiner Suche nach Futter weitergeflogen.

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